Berichte über Kinder, die nicht still sitzen können und die Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren und aufmerksam bei der Sache zu bleiben, häufen sich. Schon im Struwwelpeter berichtet der Arzt Heinrich Hoffmann 1844 vom Zappelphilipp. Wer früher ein Zappelphilipp war, heißt heute ADHS-Kind. (Artikelbild via Wikimedia Commons)

Was ist ADHS/ADHD?

Die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, HKS; engl.: ADD: attention deficit disorder, ADHD: attention deficit/hyperactivity disorder) ist nicht leicht zu stellen. Unter diesem Namen wird gemeinhin eine Reihe von Symptomen zusammengefasst, die in unterschiedlichen Varianten und Ausprägungen auftreten können. Da alle Kinder im Vorschulalter Verhaltensweisen zeigen, die auch bei ADHS auftreten können, ist es für Eltern und Erzieher oft nicht leicht, normale Abweichungen von der Norm von auffälligem Verhalten zu unterscheiden. Die Diagnose ADHS sollte deshalb nur von Kinder- und Jugendlichen-Psychiatern und -Psychologen gestellt werden.

Einteilung der ADHS/ADHD

In der aktuellen ICD-10-Klassifikation ist ADHS/ADHD im Kodierungsbereich F90 zu finden.

  • Einfache Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung, gekennzeichnet durch motorische Überaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit
  • Hyperkinetische Störung mit Störung des Sozialverhaltens, gekennzeichnet durch motorische Überaktivität, Impulsivität, Unaufmerksamkeit und Störungen des Sozialverhaltens
  • Andere hyperkinetische Störungen, gekennzeichnet durch Impulsivität und Unaufmerksamkeit
  • Aufmerksamkeitsstörung (ADS, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), gekennzeichnet durch Unaufmerksamkeit

Prävalenz von ADHS/ADHD

Man schätzt, dass zwischen 3 und 10 % eines Jahrgangs von ADHS betroffen sind. Obwohl in den Medien viel über ADHS-Kinder berichtet wird und ADHS in aller Munde ist, bleiben viele ADHS-Kinder unerkannt oder werden nicht angemessen therapiert.

Symptome bei ADHS/ADHD

Kinder mit ADHS können Umweltreize nicht angemessen wahrnehmen, verarbeiten oder filtern. Die Störung kann die körperliche, kognitive, emotionale und soziale Ebene sowie die Handlungskompetenz betreffen. Ein typisches ADHS-Kind kann nicht still sitzen, sich schlecht konzentrieren, ist leicht ablenkbar, vergisst viel, reagiert schnell und unüberlegt, hat Schwierigkeiten, einen Handlungsplan zu entwickeln und umzusetzen, eckt durch sein Verhalten oft an, neigt einerseits zu aggressivem Verhalten und andererseits zu Übersensibilität und hat wenig Freunde. Es ist aber in der Regel auch sehr kreativ, fröhlich, kontaktfreudig und in der Lage, außergewöhnliche Leistungen und Ausdauer zu zeigen, wenn es sich für etwas besonders interessiert.

Die ADHS-Symptome verbessern sich in einer neuen Umgebung, bei Einzelkontakt und wenn sich das Kind für etwas begeistert. In einer reizstarken Umgebung, in Gruppensituationen und in einem psychosozial schwierigen Umfeld verschlechtern sie sich dagegen.

Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Störung, bei der biologische, psychische und soziale Einflüsse zusammenwirken. Man hat zwar eine genetische Veranlagung für ADHS festgestellt, misst jedoch dem Zeitpunkt der Diagnostik und dem Verhalten des sozialen Umfelds bis zur Feststellung der Krankheit eine große Bedeutung bei.

Begleiterkrankungen des ADH-Syndroms

  • Wahrnehmungsstörungen, zum Beispiel der Tiefensensibilität, des Gleichgewichtssinns oder des Tastsinns
  • Störungen des Sozialverhaltens, wie zum Beispiel Neigung zu Aggressivität
  • Affektive Störungen, wie zum Beispiel Depressionen
  • Angststörungen
  • Tic-Störungen
  • Teilleistungsstörungen, wie zum Beispiel isolierte Lese-Rechtschreib-Schwäche
  • Lernstörungen, wie zum Beispiel Schwierigkeiten, Kulturtechniken zu erlernen
  • Umschriebene Entwicklungsstörungen, wie zum Beispiel Störungen in der Feinmotorik
  • Psychomotorische Entwicklungsverzögerungen, wie zum Beispiel nicht altersgemäße Feinmotorik
  • Einnässen und Einkoten

ADHS/ADHD bei Erwachsenen

Bei Erwachsenen mit ADHS/ADHD treten häufig folgende Symptome auf:

  • Konzentrationsschwäche
  • Organisationsschwäche
  • Impulsivität
  • Starke Stimmungsschwankungen
  • Gereiztheit, bis hin zu Aggressivität

Die ADHS-Symptomatik führt häufig zu vermehrtem Scheitern in privaten Beziehungen und im beruflichen Bereich. Bleibt das ADHS unerkannt, können die Betroffenen nicht lernen, angemessen mit der Krankheit umzugehen und Selbsthilfestrategien zu entwickeln. Nicht selten kommt es dann zu Folgeerkrankungen wie Süchten, Ängsten und Depressionen.

Der ergotherapeutische Befund bei ADHS

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten diagnostizieren ein ADHS nicht selbst, sondern beurteilen die spezifischen Beeinträchtigungen von Klientinnen und Klienten im Hinblick darauf, wie sehr sie dadurch im Alltag eingeschränkt sind.

Selbstredend stehen dabei die Leitsymptome des ADHS im Vordergrund (Aufmerksamkeitsstörung, Impulsstörung, motorische Überaktivität). Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten erfassen die Auswirkungen dieser Störungen auf Alltagsaktivitäten und bevorzugten Freizeitaktivitäten. Dazu stehen ihnen verschiedene Testverfahren (Assessments) und Fragebögen zur Verfügung. Die Befunderhebung wird durch strukturierte Verhaltensbeobachtung und die Befunde von Psychiatern oder Psychologen ergänzt. Daraus entwickeln sie gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten die ergotherapeutischen Ziele bei ADHS.

Ergotherapeutische Ziele bei ADHS

Grobziele der ergotherapeutischen Behandlung bei ADHS können sein:

  • Verbesserung der Alltagsbewältigung
  • Verbesserung der Ausdauer
  • Verbesserung der Geschicklichkeit
  • Verbesserung der Handlungsplanung und -durchführung
  • Verbesserung des situationsgerechten Verhaltens
  • Verbesserung des Selbstmanagements

Liegen Begleiterkrankungen vor, können diese mitbehandelt werden, sofern eine Verordnung dazu vorliegt. Je nachdem, wie bedeutsam eine Einschränkung für Klientinnen und Klienten ist, kann die Begleiterkrankung für ihn im Vordergrund stehen, zum Beispiel bei Störungen der Feinmotorik, die Auswirkungen auf die Alltagskompetenzen haben (Schuhe binden, Reißverschluss schließen, etc.).

Ergotherapeutische Behandlung bei ADHS

Bei Kindern ist es wichtig, die Eltern in die Therapie mit einzubeziehen, „Hausaufgaben“ zu geben und regelmäßig Gespräche über die Entwicklung zu führen. Da Eltern (und Geschwister) von ADHS-Kindern oft durch die Situation selbst sehr belastet sind, muss geklärt werden, wer der Klient ist: die Eltern oder das Kind? Wenn allen Beteiligten klar ist, wessen Ziele in der Ergotherapie im Vordergrund stehen, können diese besser verfolgt und erreicht werden. Dieser Prozess kann durch ergotherapeutische Methoden unterstützt werden, zum Beispiel durch das Ergotherapeutische Elterntraining (ETET). Es gibt weitere Unterstützungsmaßnahmen für Angehörige von ADHS-Kindern, zum Beispiel Familientherapie, sozialtherapeutische Unterstützung, Coaching etc.

Grundprinzipien der Ergotherapie bei ADHS

Die Therapie orientiert sich an den Ressourcen der Klientinnen und Klienten und stellt ihre Handlungskompetenzen in den Vordergrund. Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten begegnen dem ADHS-Kind in einer wertschätzenden Grundhaltung und betrachtet Klientinnen und Klienten als Partner. Die Therapie ist am Alltag orientiert und setzt sich konkrete Ziele, die durch konkrete Maßnahmen verfolgt werden. Die Bezugspersonen (Eltern, Lehrer) werden in die Therapie mit einbezogen.

Typische Therapiemethoden bei ADHS

  • Verhaltenstherapeutische Instrumente, wie zum Beispiel Therapievertrag, Belohnungssysteme
  • Aufmerksamkeitstrainings
  • Handlungsorientiertes Aufmerksamkeitstraining (HAT)
  • Koordinations- und Selbstregulationtraining (KSST)
  • Achtsamkeitsübungen
  • Tonusaufbau
  • Grafomotoriktraining

Literatur

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