Ergotherapie in der Geriatrie findet in unterschiedlichen Umgebungen statt (stationär, teilstationär, zu Hause) und wird eingesetzt, um die Folgen von Grunderkrankungen zu minimieren und die größtmögliche Selbstständigkeit zu ermöglichen. (Artikelbild von Nithi Anand via Flickr: CC BY 2.0)

Was ist Geriatrie?

Die Geriatrie (Altersheilkunde) beschäftigt sich mit der Erkennung und Behandlung von Krankheiten des Alters. Sie ist eine interdisziplinäre medizinische Disziplin, das heisst unterschiedliche Berufsgruppen arbeiten eng zusammen, um einen größtmöglichen Behandlungserfolg zu erreichen. Das medizinische Team ist je nach Lebensalter, Krankheitszustand und sozialem Umfeld des Klienten unterschiedlich zusammengesetzt. So arbeiten zum Beispiel Ärztinnen & Ärzte, Gesundheits- und Krankenpflegepersonal, AltenpflegerInnen, Physio- und ErgotherapeutInnen, LogopädInnen, klinische PsychologInnen und SozialarbeiterInnen mit geriatrischen Klientinnen und Klienten.

Der Geriatrie eng verbundene Fachbereiche sind die Gerontologie (Lehre von den Alterungsprozessen), die Gerontopsychiatrie (Lehre von den psychologischen und psychopathologischen Veränderungen im Alter) und die Palliativmedizin (Begleitung und Behandlung von Menschen mit chronischen Schmerzzuständen und Sterbenden).

In vielen Krankenhäusern gibt es spezielle geriatrische Stationen, die sich auf die besonderen Bedürfnisse der geriatrischen Klientinnen und Klienten einstellen. Es gibt aber auch viele Kliniken, die geriatrische Klientinnen und Klienten auf regulären Stationen betreuen. Häufig haben geriatrische Klientinnen und Klienten Primärerkrankungen aus den Bereichen Innere Medizin, Neurologie und Diabetologie. Diese Krankheiten stellen sich im Alter oft anders dar als bei Jüngeren, sodass eine altersgerechte Diagnostik und Behandlung erforderlich ist. Oft liegen mehrere altersbedingte Erkrankungen gleichzeitig vor, dann spricht man von Multimorbidität. Bei den sogenannten Alterssyndromen treten viele unterschiedliche Symptome gleichzeitig auf und beeinflussen sich gegenseitig. Häufig sind dies Hirnleistungsstörungen, Abbau oder Verlust der Sinnesleistungen, körperliche Instabilität (zum Beispiel durch Schwindel), Inkontinenz (Verlust der Blasen- und/oder Darmkontrolle) und Austrocknung (Stichwort: Geriatric Giants).

Die ergotherapeutische Grundhaltung in der Geriatrie

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die in der geriatrischen Akutversorgung arbeiten, haben eine andere Herangehensweise als Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die ältere Menschen mit chronischen Krankheiten behandeln. Die Berücksichtigung des sozialen Umfelds spielt in der Geriatrie eine wesentliche Rolle. Alte Menschen befinden sich in der letzten Lebensphase. Sie sind einerseits mit dem nahenden Tod konfrontiert und andererseits mit fortschreitenden (progredienten) Abbauprozessen. Kommt dann noch eine akute Erkrankung hinzu, wie zum Beispiel ein Schlaganfall, sind sie meist nachhaltig in ihrer Lebensführung und ihrem psychischen Erleben beeinträchtigt.

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die im geriatrischen Bereich arbeiten, haben es also mit sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufen und -stadien zu tun. Dies erfordert sowohl ein fundiertes medizinisches Wissen, als auch ein hohes Maß an Methodenkenntnis, sozialer Kompetenz, Einfühlungsvermögen und Interesse für die Lebenswirklichkeit der älteren Generation allgemein.

Geriatrische Krankheitsbilder und ihre Auswirkungen

Typische geriatrische Krankheitsbilder

  • Neurologische Erkrankungen, wie zum Beispiel Schlaganfälle, Hirnblutungen, Morbus Parkinson (Schüttellähmung), Demenzen
  • Erkrankungen aus dem Bereich der Inneren Medizin, wie zum Beispiel Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen, Diabetes
  • Erkrankungen des Skelettsystems, wie zum Beispiel Rheuma, Arthrose, Spätfolgen nach Stürzen
  • Krebserkrankungen
  • Psychische Erkrankungen, wie zum Beispiel Altersdepressionen, Neurosen, Psychosen

Oft sind die Krankheitsverläufe chronisch, eine vollständige Ausheilung ist häufig nicht möglich. Zusammen mit der generellen Degeneration (Abbauprozesse) im Alter erzeugt dies große Unsicherheiten sowohl auf der körperlichen als auch auf der psychischen Ebene. Ältere Menschen brauchen deshalb häufiger konkrete Hilfen, wie zum Beispiel engmaschige Betreuung oder individuell angepasste Hilfsmittel.

Aufgaben der Ergotherapie in der Geriatrie

Je nach Ausgangssituation der Klientinnen und Klienten (Alter, medizinische Indikationen, Allgemeinzustand, soziales Umfeld) setzten Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten—nach Möglichkeit zusammen mit den Klientinnen und Klienten—überprüfbare und konkrete Ziele. Daraus ergeben sich dann die ergotherapeutischen Aufgaben.

Der eigentlichen Behandlung geht in der Regel eine ausführliche Diagnostik voraus. Mithilfe sogenannter Basis-Assessments kann der Ist-Zustand systematisch überprüft und festgehalten werden. An der Diagnostik sind verschiedene Berufsgruppen beteiligt, der gemeinsame Austausch ist entscheidend.

Zu den Aufgaben der Ergotherapie in der Geriatrie zählen:

  • Erhebung des ergotherapeutischen Befunds
  • Planung und Strukturierung der Therapieinhalte
  • Versorgung mit Hilfsmitteln
  • Ermöglichung der größtmöglichen Selbstständigkeit und Teilhabe
  • Therapie der Grunderkrankungen
  • Training kognitiver Funktionen
  • Psychische Stabilisation
  • Förderung der Einbindung in das für den Klienten relevante soziale Umfeld
  • Tagesstrukturierung
  • Dokumentation des Therapieverlaufs
  • Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen und Angehörigen

Ziele der Ergotherapie in der Geriatrie

Das oberste Ziel der Ergotherapie ist die größtmögliche Selbstständigkeit und Teilhabe am sozialen Leben. Daraus ergibt sich eine Minderung beziehungsweise Verhinderung der Pflegebedürftigkeit, was bei einer älter werdenden Gesellschaft auch zur Kostenreduzierung im Gesundheitswesen beiträgt. Hier stehen die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL, Activities of Daily Living) im Vordergrund. Dies betrifft zuerst die Körperpflege und das Anziehen, aber auch Tätigkeiten im Haushalt, Fortbewegung und soziale Teilhabe, eben alles, was Klientinnen und Klienten tagtäglich tun müssen beziehungsweise wieder tun möchten.

Individuelle Ziele sollten zusammen mit den Klientinnen und Klienten festgelegt werden. Sind Klientinnen und Klienten selbst nicht mehr in der Lage sich zu äußern, sollten nahe Angehörige oder vertraute Personen diese Aufgabe übernehmen. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Zielsetzungen für die Klientinnen und Klienten bedeutsam sind. Die Ziele sollten außerdem überprüfbar sein und mit einem Zeitraum verbunden werden, in dem sie erreicht sein sollten (Formulierung nach SMART-Kriterien). Nur so kann festgestellt werden, ob die Therapie erfolgreich war oder ob die Ziele gegebenenfalls zu hoch gesteckt waren. Generell ist es günstig, sich eher kleine Ziele zu setzen. So werden Erfolgserlebnisse möglich und die Motivation kann gesteigert werden.

Ziele der Ergotherapie in der Geriatrie können zum Beispiel sein:

  • Selbstständige Durchführung der Körperpflege beziehungsweise Teile der Körperpflege
  • Sturzprävention
  • Erhöhung der Mobilität durch funktionelle Therapie und/oder Hilfsmittelversorgung
  • Verbesserung der Wahrnehmung durch sensomotorisch-perzeptive Verfahren
  • Strukturierung des Tagesablaufs
  • Aktivierung
  • Sinnvolle Freizeitgestaltung

Inhalte der Ergotherapie in der Geriatrie

Um die größtmögliche Selbstständigkeit zu erreichen, nutzen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten unterschiedliche Mittel und Methoden. Dafür werden unterschiedliche Aktivitäten, künstlerische und kreative Techniken, Spiele und Sportgeräte gewählt. Die Tätigkeiten sollen zielgerichtet eingesetzt werden und für die Klientinnen und Klienten bedeutsam sein, damit sie zur Stabilisierung beitragen und ihre Weiterentwicklung fördern.

Auf einer geriatrischen Station kann die Therapie beispielsweise aus einem Rollstuhltraining bestehen, bei dem Klientinnen und Klienten lernen, selbstständig mit dem Rollstuhl zu fahren und Hindernisse zu überwinden.

In einem Pflegeheim kann die Therapie darin bestehen, dem Bewohner die Orientierung im Heim zu ermöglichen. Dazu können zum Beispiel Symbole an Türen und Fluren eingesetzt, Pläne zu Hilfe genommen oder Rituale geschaffen werden, die es Bewohnerinnen und Bewohnern erleichtern, sich zu erinnern.

Im häuslichen Umfeld können die Inhalte zum Beispiel darin bestehen, die Wohnung von Stolperfallen zu befreien und damit Stürzen vorzubeugen oder Tages- und Wochenpläne zu erstellen, um die aktive Teilhabe zu erleichtern.

Typische Therapieinhalte in der Geriatrie

  • Versorgung mit Hilfsmitteln
  • Training motorischer und kognitiver Funktionen
  • Beratung der Angehörigen und anderer Berufsgruppen
  • ADL-Training
  • Sinnvolle Freizeitgestaltung

Weiterführende Literatur

Silke Jäger ist Ergotherapeutin, Lektorin und Projektmanagerin und verdient ihre Brötchen als Freiberuflerin mit Texten über Rehabilitation, Therapie und Gesundheitsthemen—Website

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