Ergotherapie in der Neurologie wird eingesetzt, um die Handlungsfähigkeit von Klientinnen und Klienten mit Erkrankungen des Nervensystems zu verbessern und ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Was ist Neurologie?

Die Neurologie beschäftigt sich mit Erkrankungen des Nervensystems. Das Nervensystem besteht aus dem Zentralnervensystem (ZNS), zu dem das Gehirn und das Rückenmark gezählt werden, sowie aus dem peripheren Nervensystem, zu dem Hirnnerven, Spinalnerven und intermurale Nerven (Nerven in der Wand von inneren Organen) zählen. (Artikelbild von Anthony Freda via Flickr)

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die in der Neurologie arbeiten, haben es meist mit Klientinnen und Klienten zu tun, die aufgrund von Schädigungen am Zentralnervensystem vorübergehend oder dauerhaft in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind.

Die Schädigungen können unterschiedliche Funktionssysteme betreffen:

  • Körperliche Funktionen, wie zum Beispiel Motorik, Sensorik, Koordination, vegetative und vitale Funktionen
  • Geistige Funktionen, wie zum Beispiel Bewusstsein, Sprache, Denken, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Lern- und Merkfähigkeit, Planungs- und Handlungsfähigkeit
  • Psychische Funktionen, wie zum Beispiel Persönlichkeit, Verhalten, Antrieb, Affekt, Emotionen, soziale und interaktive Fähigkeiten

Die Neurologie hat starke Berührungspunkte zur Psychiatrie und zur Inneren Medizin, bei schweren Krankheitsverläufen auch zur Intensiv- und Palliativmedizin.

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten in der neurologischen Rehabilitation

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die in der Neurologie arbeiten, sind auf jeder Stufe des mehrstufigen neurologischen Rehabilitationsprozesses tätig. Dieser Prozess reicht von der Frührehabilitation bis zur Wiedereingliederung in den beruflichen Alltag. In Deutschland beschäftigt jede Rehabilitationseinrichtung Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die sich um die Wiedererlangung der größtmöglichen Selbstständigkeit der neurologischen Klientinnen und Klienten bemühen. Nicht selten bleiben nach neurologischen Erkrankungen Restschädigungen bestehen, die die Partizipation am täglichen Leben einschränken können—deshalb ist für neurologische Klientinnen und Klienten Ergotherapie sehr wichtig.

Die ergotherapeutische Grundhaltung in der Neurologie

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die mit neurologischen Klientinnen und Klienten arbeiten, haben es mit komplexen Störungsmustern zu tun, die umfangreiches und fundiertes medizinisches Wissen erfordern. Die Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Berufsgruppen ist Voraussetzung für eine gelingende neurologische Rehabilitation.

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten in der Neurologie analysieren, zerlegen, planen und modifizieren Handlungsabläufe stets im Hinblick darauf, wie und unter welchen Bedingungen sie sich für eine Therapie der jeweiligen Klientinnen und Klienten eignen. Um eine erfolgreiche Therapie zu ermöglichen, wählen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten geeignete Handlungen aus, die sowohl die größtmögliche Selbstständigkeit gewährleisten als auch einen hohen therapeutischen Effekt haben. Wie hoch der therapeutische Effekt bei Ausübung einer Handlung ist, hängt auch vom Erfahrungshintergrund von Klientinnen und Klienten ab. So wird eine Tätigkeit, die die Klientinnen und Klienten vor der neurologischen Schädigung regelmäßig ausgeführt haben, eine größere therapeutische Wirkung haben, als eine neue Tätigkeit.

Neurologische Krankheitsbilder und ihre Auswirkungen

Typische Schädigungen des Zentralnervensystems:

  • Schädel-Hirn-Traumata, zum Beispiel durch Unfälle, Gewalteinwirkungen
  • Intrakranielle Blutungen, zum Beispiel durch Aneurysmen
  • Ischämien (Durchblutungsstörung beziehungsweise -ausfall), zum Beispiel durch einen Thrombus (Blutgerinnsel) in einer Hirnarterie
  • Entzündliche Erkrankungen, zum Beispiel Meningitis (Hirnhautentzündung)
  • Hypoxie (chronischer Sauerstoffmangel), zum Beispiel nach einem Herzinfarkt
  • Vergiftungssyndrome, zum Beispiel nach Drogenkonsum
  • Tumore, zum Beispiel durch einen gewebeverdrängenden Prozess oder nach Tumoroperationen
  • Multiple Sklerose
  • Hemiplegie (vollständige Halbseitenlähmung) und Hemiparese (unvollständige Halbseitenlähmung), zum Beispiel nach einer Ischämie oder nach einer Blutung
  • Paraplegie/Paraparese (vollständige und unvollständige Lähmung beider Beine), Tetraplegie/Tetraparese (vollständige und unvollständige Lähmung aller Gliedmaßen), zum Beispiel nach einer Schädigung des Rückenmarks (Querschnittlähmung)
  • Sensibilitätsstörungen, zum Beispiel nach einem Tumor oder bei Multipler Sklerose
  • Schluckstörungen, zum Beispiel nach einer Ischämie
  • Neglect (vollständige Vernachlässigung der geschädigten Körper- und Raumseite) und Extinktionsphänomen (unvollständige Vernachlässigung der geschädigten Körper- und Raumseite), zum Beispiel nach einer Hirnblutung
  • Störungen der visuellen Wahrnehmung, zum Beispiel nach einer Hirnblutung
  • Apraxie (Störungen der Bewegungs- und Handlungsplanung beziehungsweise -ausführung), zum Beispiel nach einer Schädigung im Bereich der Arteria cerebri media
  • Störungen der Hirnleistung, wie zum Beispiel der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses
  • Aphasie (zentrale Sprachstörungen), zum Beispiel nach einer Ischämie

Neben den zentralnervösen Störungen können auch periphere Nervenschädigungen in der Ergotherapie eine Rolle spielen. Diese können zum Beispiel nach Traumen, durch Kompression bei Operationen oder durch Tumore bedingt sein. Je nach Schwere der Schädigung können mehrere der oben genannten Störungen gleichzeitig auftreten und den gesamten Menschen inklusive seines sozialen Umfelds beeinträchtigen.

Die Aufgaben der Ergotherapie in der Neurologie

Ergotherapie als handlungsorientierte Methode, kann auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Klientinnen und Klienten können durch gezielt ausgewählte Handlungen in die Lage versetzt werden, aktiv an der Lösung ihrer Probleme mitzuwirken oder neue Fertigkeiten zu erlernen. Dazu kann einerseits der Handlungsablauf einer Tätigkeit dem Störungsbild angepasst werden und andererseits durch Unterstützung, Adaptation von Gebrauchsgegenständen oder Räumen die Bedingungen verändert werden, unter denen eine Aktivität möglich ist. So erfahren Klientinnen und Klienten am eigenen Leib, welche Möglichkeiten der Teilhabe sie nutzen können.

Zu den Aufgaben der Ergotherapie in der Neurologie gehören unter anderem:

  • Erhebung des ergotherapeutischen Befunds
  • Feststellung der Therapieziele
  • Planung und Strukturierung der Therapieinhalte
  • Anbahnung und Automatisierung physiologischer Bewegungsabläufe
  • ADL-Training
  • Tonusnormalisierung
  • Sensibilitätstraining
  • Hirnleistungstraining
  • Training von Alltags- und Handlungskompetenzen
  • Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Berufsgruppen und Angehörigen

Ziele der Ergotherapie in der Neurologie

Die Wiedererlangung und Erhaltung der Handlungsfähigkeit im Alltag ist das übergeordnete Ziel der Ergotherapie in der Neurologie. Um dies zu erreichen, sind viele Zwischenschritte notwendig, die sowohl als Grob- oder Feinziele als auch als Nah- oder Fernziele definiert werden können. Daraus ergibt sich ein recht komplizierter Prozess der individuellen Zielfindung.

Passend zur Indikation (in Deutschland geregelt durch die Heilmittelrichtlinien), legt der Arzt die konkreten Ziele der Ergotherapie fest oder fordert eine ausführliche ergotherapeutische Diagnostik an. In diesem Fall stehen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten unterschiedliche Testverfahren (Assessments) zur Verfügung, um eine systematische Diagnostik durchführen zu können. Die Ziele der Therapie ergeben sich entweder aus der ergotherapeutischen oder der ärztlichen Diagnostik plus den persönlichen Zielen von Klientinnen und Klienten.

Die Ziele sollten überprüfbar sein und der Zeitraum, in dem sie erreicht sein sollen, wird zu Beginn der Therapie definiert (S.M.A.R.T.-Kriterien). So wird der Erfolg der Therapie überprüfbar. Es ist besser, kleine Ziele anzusetzen, damit Erfolgserlebnisse erlebbar werden. Das steigert auch die Motivation zur Mithilfe. Bei neurologischen Krankheitsbildern ist eine Prognose oft nur schwer möglich, da sich nicht leicht voraussagen lässt, inwieweit nicht geschädigte Teile des Gehirns verlorengegangene Funktionen übernehmen können. Deshalb werden die Ziele im Laufe des Therapieprozesses regelmäßig überprüft und gegebenenfalls an die Fortschritte angepasst.

Grobe Ziele der Ergotherapie in der Neurologie können zum Beispiel sein:

  • Verbesserung der Handlungsfähigkeit im Alltag
  • Tonusnormalisierung
  • Verbesserung der Tiefensensibilität
  • Verbesserung der Koordination
  • Verbesserung der Rumpfstabilität
  • Verbesserung der Feinmotorik
  • Schmerzreduktion
  • Berufliche Wiedereingliederung

Therapiemaßnahmen der Ergotherapie in der Neurologie

In der Ergotherapie werden unterschiedliche Mittel und Verfahren genutzt, um für Klientinnen und Klienten die größtmögliche Selbstständigkeit zu erreichen. Diese ist das übergeordnete Ziel der Ergotherapie in der Neurologie. Dabei kann jede Aktivität, jedes künstlerische und kreative Tun und jedes Spiel eingesetzt werden. Ob die Medien und Handlungen einen therapeutischen Nutzen haben, hängt davon ab, ob sie zielgerichtet und angepasst an die Bedürfnisse und Fähigkeiten von Klientinnen und Klienten eingesetzt werden. Aktivitäten, die für Klientinnen und Klienten bedeutsam sind, sind gut geeignet, um seinen Zustand zu stabilisieren und seine Fähigkeiten und Fertigkeiten weiterzuentwickeln.

Typische Maßnahmen der Ergotherapie in der Neurologie

  • Physiologische Lagerung und Mobilisation
  • ADL-Training, wie zum Beispiel Anziehtraining und Küchentraining
  • Transfertraining, wie zum Beispiel das Umsetzen vom Bett in den Rollstuhl
  • Anbahnung von physiologischen Bewegungsabläufen, zum Beispiel durch funktionelle Spiele
  • Anregungen für eine sinnvolle Freizeitgestaltung durch Kennenlernen kreativer Techniken und gemeinsam erarbeitete Stundenpläne und Trainingsprogramme
  • Hirnleistungstraining, zum Beispiel durch geeignete Computerprogramme
  • Versorgung mit Hilfsmitteln
  • Wohnraumberatung und -anpassung
  • Arbeitstherapie und Arbeitsplatzberatung
  • Angehörigenberatung

Methoden der Ergotherapie in der Neurologie

Bei neurologischen Klientinnen und Klienten nutzen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten eine Vielzahl von Methoden, die sich aus unterschiedlichen Modellen ableiten. Bei der Auswahl der Methoden, spielen zum einen Klientinnen und Klienten selbst, ihre individuelle Ausprägung sowie ihre Vorlieben eine Rolle, und zum anderen die Kenntnisse und Ausbildung der TherapeutInnen. Dessen ungeachtet gibt es allgemeine Prinzipien, die einer erfolgreichen Therapie von neurologischen Klientinnen und Klienten zugrunde liegen.

Methodische Grundlagen einer neurologischen Ergotherapie

  • Gezieltes Hemmen (Inhibition) oder Bahnen (Fazilitation) muskulärer Aktivität
  • Identifizierung von normalen Bewegungsabläufen, um auf mehreren Ebenen normale Bewegungs- und Haltungskontrolle zu erreichen
  • Erarbeitung von Strategien und Techniken in relevanten Alltagssituationen

Weitere Methoden der Ergotherapie in der Neurologie

Literatur

Silke Jäger ist Ergotherapeutin, Lektorin und Projektmanagerin und verdient ihre Brötchen als Freiberuflerin mit Texten über Rehabilitation, Therapie und Gesundheitsthemen—Website

handlungs:plan nimmt am Amazon-Partner-Programm teil, wenn du Bücher bei Amazon über unsere Links bestellst, leistest du einen Beitrag zur Reduzierung unserer Serverkosten – ohne Nachteile für dich als Besteller. Natürlich liegt diese Entscheidung bei dir – auch lokale Buchhändler wollen schließlich leben. Beachte bitte auch den Abschnitt “Datenschutz” im Impressum!