Einleitung

Der folgende Text spiegelt einen Teilaspekt meines täglichen Arbeitslebens auf einer psychiatrischen Akutstation wieder, einem Arbeitsbereich der im Allgemeinen mit noch mehr Vorurteilen und Klischees beladen ist, als eine „normale“ psychiatrische Station. Aus den Erzählungen von Klientinnen und Klienten weiß ich, dass Angehörige oder Besucherinnen und Besucher (und auch Klientinnen und Klienten bei der erstmaligen Aufnahme) vom psychiatrischen Akutbereich oft das Bild eines klassischen „Irrenhauses“ á la „Einer flog über das Kuckucksnest“ im Kopf haben, das Schlimmste vom Vorstellbaren also. Nichtsdestotrotz bringt die Arbeit in diesem Bereich bestimmte Einschränkungen mit sich, mit denen nicht nur Klientinnen und Klienten, sondern auch die Menschen des diensthabenden Personals leben müssen: um jene der versperrten Türen soll es in diesem Beitrag gehen, ein humorvolles Zwinkern habe ich beim Schreiben allerdings im Auge…

Früh am Morgen

Schlüsselbund mit roter Filzschlaufe in einem Schloss einer gelben Metalltür steckendMit dem Rad über das Klinikumsgelände, meine Station liegt in einem alten Pavillon abseits des Hauptgebäudes, ein sichtschutzplanenverblendeter Zaun umringt das Gebäude, es gibt zwei Türen in den Westgarten – Ritsch-Klick-Ratsch – die Westtür geht auf, ich stelle mein Fahrrad ab, gehe zum Haupteingang – Ritsch-Klick-Ratsch – stehe im Foyer vor der Zwischentür – Ritsch-Klick-Ratsch – und bin im Hauptgang der Station, Klientinnen und Klienten gehen gerade zum Frühstück, ich zur Schwesternkanzel – Ritsch-Klick-Ratsch – begrüße das Pflegepersonal vom Tagdienst, das nicht gerade mit dem Austeilen des Frühstücks beschäftigt ist, quäle die Stationsschwester (wie jeden Tag) mit der Bitte um eine ausgedruckte Bettenübersicht, schenke mir Kaffee ein, hole mein Telefon aus der Ladestation und gehe bei der zweiten Tür hinaus.

Am Westgang ist die nächste Tür, die zu den Umkleiden – Ritsch-Klick-Ratsch – ich gehe in den ersten Stock, stehe vor der Tür zur Männerumkleide – Ritsch-Klick-Ratsch – und schließlich vor meinem Spind, anderer Schlüssel – Ritsch-Klick-Ratsch – und ich kann mich endlich umziehen. Es regnet draußen und ich gehe über die Männerstation zur Morgenbesprechung – Ritsch-Klick-Ratsch – Türe zur Station – Ritsch-Klick-Ratsch – Türe in die Schleuse – Ritsch-Klick-Ratsch – Türe aus dem Gebäude, beim Haupthaus in den Keller – Ritsch-Klick-Ratsch (diesmal mit anderem Schlüssel) – und ich bin den Räumen der Ergotherapie.

Am Vormittag

Schlüsselbund mit roter Filzschlaufe in einem Schloss einer Holztür mit rotem Schlüsselloch steckendDer Schlüsselbund hat Pause, aber nicht allzu lange: Nach der Besprechung zurück auf die Station – Ritsch-Klick-Ratsch – Gartentür – Ritsch-Klick-Ratsch – Seiteneingang – Ritsch-Klick-Ratsch – Dienstkanzel. Nach einer kurzen Besprechung mit dem diensthabenden Pflegeteam in den Ergotherapieraum – Ritsch-Klick-Ratsch Ritsch-Klick-Ratsch Ritsch-Klick-Ratsch – Türe aufsperren, Materialien aus versperrten Kästen holen, Kästen wieder zusperren, Klientinnen und Klienten einladen, eine Stunde Gruppe, danach – Ritsch-Klick-Ratsch – kurz zurück in die Dienstkanzel und dann zurück in den Ergotherapieraum, Morgenrunde.

Unabhängig vom Wochentag zurück in die Dienstkanzel – Ritsch-Klick-Ratsch – entweder zur Vernetzungsbesprechung, zur Visitenvorbesprechung, zur Zimmer- oder zur Einzelvisite, zur Dokumentation, zum Drucken von Ausgangsbewilligungen oder zum Abrufen dienstlicher E-Mails, danach lassen sich noch Einzeltherapien durchführen (einige Ritsch-Klick-Ratschs zum Öffnen und Versperren diverser Kästen und Türe eingeschlossen). Rund um die Mittagpause muss ich die Schlüssel meist nur viermal verwenden: Ritsch-Klick-Ratsch – Stationsschleuse – Ritsch-Klick-Ratsch – Haupteingangstür, dann in den Speisesaal, und nach dem Essen das Ganze nochmal – Ritsch-Klick-Ratsch Ritsch-Klick-Ratsch – und ich bin wieder auf meiner Station, kurz in die Dienstkanzel – Ritsch-Klick-Ratsch – Entlassungen oder Verlegungen abfragen.

Nachmittag

Schlüsselbund mit roter Filzschlaufe in einem Schloss einer Kastentür aus Holz steckendAusgangsbewilligungen ausfüllen geht ganz ohne Öffnen von Schlössern – schön, dass innen im Schwesternzimmer ganz normale Türklinken angebracht sind – danach mit den Klientinnen und Klienten für die morgige Kochgruppe beim Haupteingang – Ritsch-Klick-Ratsch – raus und aus dem Krankenhausgelände zum Supermarkt, Lebensmittel einkaufen. Zurück vor der Station die erste Tür – Ritsch-Klick-Ratsch – und die zweite Tür – Ritsch-Klick-Ratsch – des Haupteingangs öffnen, hinein in den Raum mit dem Kühlschrank für Klientinnen und Klienten – Ritsch-Klick-Ratsch – und ab mit den Lebensmitteln ins kühle Dunkel. Wieder zurück im Schwesternzimmer – Ritsch-Klick-Ratsch – kann ich die nächsten 45 Minuten mit der Leistungsverrechnung und Verlaufsdokumentation des Tages verbringen, vielleicht noch einen Schluck Kaffee, dann Verabschiedung vom Stationsteam und ab ins Treppenhaus – Ritsch-Klick-Ratsch – die Stufen hoch und – Ritsch-Klick-Ratsch – in die Garderobe, noch den Kasten öffnen – Ritsch-Klick-Ratsch – und ich habe Dienstschluss. Ich verlasse das Gebäude durch den Seiteneingang – Ritsch-Klick-Ratsch – nehme mir mein (unversperrtes) Fahrrad und öffne (erwähnte ich das dazugehörige Ritsch-Klick-Ratsch?) die Tür des Stationsgartens, die ich anschließend wieder verschließe – Ritsch-Klick-Ratsch.

Zuhause

Schlüsselbund mit roter Filzschlaufe in einem Schloss einer grauen Metalltür steckendIch komme nach fünfzehnminütiger Fahrt zu Hause an, jetzt noch das kleine Gefälle zum Innenhof, über die Unebenheiten des Asphalts die ich mittlerweile auswendig kenne und runter vom Rad, zur Hintereinganstür und – Ritsch-Klick-Ratsch – Moment, da stimmt was nicht…die Tür geht nicht auf…vielleicht sollte ich an dieser Stelle doch nicht mehr meinen dienstlichen, sondern doch den privaten Schlüsselbund verwenden – das dürfte um einiges erfolgversprechender sein…

Ich verwende meinen dienstlichen Schlüsselbund im Schnitt geschätzte fünfzig Mal pro Tag, abhängig von den Wegen die ich zurücklegen muss und den Therapien die ich anbiete, kann sich diese Zahl durchaus auf Siebzig oder Achtzig erhöhen – ich bin ja schonmal gespannt wie lange die Schlüssel das aushalten, bevor die ernsthafte Abnutzungserscheinungen aufweisen werden (das Öffnen und Schließen versperrter Fenster ist in dieser Kalkulation übrigens noch nicht miteinberechnet). Meinen Fahrradschloßschlüssel benutze ich dreimal täglich, meinen Wohnungsschlüssel zweimal und der meines Briefkastens kommt einmal pro Tag zum Einsatz – schräge Sache, wenn man drüber nachdenkt…