Einleitung

Ich bin also jetzt ROTA-Therapeutin, d.h. konkret ich habe die Fortbildung für Erwachsene und Säuglinge absolviert (insgesamt 18 Tage) und bin nach anfänglicher Skepsis ziemlich verblüfft über die Wirkung der Rotationsübungen und bisherige Erfolge. (Artikelbild von thephotographymuse via Flickr)

Die Rolle des Muskeltonus in Ruhe und Aktivität

Mit der neurophysiologischen ROTA-Therapie werden Neugeborene und Säuglinge wie auch größere Kinder und Erwachsene behandelt, die an Symptomen einer zentralen Koordinationsstörung oder Tonusregulationsstörung leiden. Der Muskeltonus ist bei unserer Klientel ja häufig zu hoch (hyperton), zu niedrig (hypoton) oder er wechselt ständig zwischen diesen beiden Extremen. Zum Beispiel kann der Tonus in Ruhe anders sein als in der Aktivität, oft auch durch Kompensationsstrategien. Beim Säugling bewirkt die gestörte Tonusregulation durch ein unausgeglichenes Reflexgeschehen eine beeinträchtigte Bewegungsentwicklung hin zur Aufrichtung, folglich in den grob- als auch den feinmotorischen Funktionen. Derartige Belastungen beschränken sich aber nicht nur auf die Motorik, sie wirken sich auch auf sensorische, vegetative und emotionale Lebensbereiche aus. Beispiel: eine geschlossene Hand, ev. durch eine Hemiparese oder einen übermäßig hohen Handgreifreflex bildet sich in den ersten Wochen und Monaten als Faust im Gehirn ab, die Wahrnehmung der Handinnenfläche, einer offenen Hand oder des Loslassens hat es schwer sich zu entwickeln. Restreflexe sind aber auch bei Schulkindern noch teilweise zu beobachten und jeder von uns kennt Tonusregulationsstörungen nach einem Schädel-Hirn-Trauma, oder Ähnlichem. Das Einsatzgebiet der ROTA-Therapie ist also ein Großes…

Wie wirkt die ROTA-Therapie?

Männliches Kind führt im Rahmen der ROTA-Therapie im Sitzen den linken Fuß zur NasenspitzeGezielte Rotationsübungen geben dem Gehirn Input, insbesondere werden Bereiche angesprochen, die den für die Bewegung und Haltung notwendigen Muskeltonus regeln. Doris Bartel, Begründerin der ROTA-Therapie bezeichnet die Rotation als „wichtige Nahrung fürs Gehirn“. Indem sich der Körper koordiniert um die verschiedenen Körperachsen im Raum und um die eigene Wirbelsäule dreht, werden Muskel harmonisch angespannt beziehungsweise entspannt. Die Impulse, die einerseits durch passive Bewegungsübungen, schließlich auch durch aktive Übergänge angebahnt werden, schaffen einen Ausgleich, der ein unökonomisches Muster (z.B. Reflexgeschehen) reduziert bzw. verhindert. Man vergleiche die Herangehensweise mit einem gut kugelig gelagerten Patienten, der dadurch eine Erleichterung seines hypertonen Extensionsmusters erfährt.

Im normalen Umgang mit dem Säugling (tragend von links nach rechts wechseln, hochheben, stillen,…) passiert sehr an Rotation. Auch das Krabbeln und der diagonale Hände-Fuß-Mund-Kontakt, das nach wie vor als wichtiger Meilenstein in der sensomotorischen Entwicklung gesehen wird, zeugt von großer koordinativer Bewegung in den Körperachsen beziehungsweise der Wirbelsäule.

Wie wird die ROTA-Therapie durchgeführt?

Der Säugling und das kleine Kind werden zunächst passiv in einer bestimmten festgelegten Reihenfolge von der Mutter auf dem Schoß gemütlich bewegt. Durch verschiedene, sich immer wiederholende Positionen (das sind: Bauchlage, Seitenlage, Rückenlage, Sitzen im Arm) wird Rotation um die eigenen Körperachsen im Raum erfahren, einhergehend mit der wichtigen Rotation der Wirbelsäule (Verdrehen von Schulter- gegen den Beckengürtel). Es sind natürliche Impulse, die im Alltag sowieso vorkommen, hier in eine bestimmte Ordnung gebracht und über einen festgelegten Zeitraum ständig wiederholt.

Männliches Kind führt im Rahmen der ROTA-Therapie im Liegen die linke Hand zur FussspitzeDie ROTA-Therapie orientiert sich an den primären Bedürfnissen des Kindes, bezogen auf den körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklungsstand. Ein Grundbedürfnis des kleinen Kindes ist es, bei der Mutter zu sein. Deshalb hat bei der Therapie die Mutter ihren Säugling auf dem Schoß und führt die Bewegungen durch. Die Aufgabe der Therapeutin ist es, die Mutter in allem, was ihr Kind zu einer gesunden Entwicklung an Hilfe und Unterstützung braucht, anzulernen.

Größere Kinder und Erwachsene lernen die Bewegungsabfolgen auf dem Boden liegend selbstständig durchzuführen, immer mit soviel passiver Hilfe wie nötig. Bei den Bewegungsübergängen am Boden werden vor allem Drehbewegungen mit wechselnder Raumorientierung durchgeführt, zum Beispiel ein koordinierter Übergang von Rücklage auf Bauchlage. Auch Stabilisierungsaufgaben, zum Beispiel im Yoga-Sitz finden Einsatz. Letzteres ist vor allem bedeutend, da die Hüfte bei erhöhtem Tonus häufig in eine starke Innenrotation neigt. Wie sich dies auf Balance, Fußgewölbe, usw. auswirkt ist bekannt.

Konkrete Meilensteine in der motorischen Entwicklung (wie z.B. Drehen, Krabbeln oder Stehen) werden bei der ROTA-Therapie nicht geübt. Durch die gesunde Tonusregulation, die über die Therapie erreicht wird, kann sich die normale Entwicklung abspulen. Diese ist als genetisches Programm in jedem Menschen angelegt. Ein Trainieren von diesen Grundfunktionen würde nur am Symptom arbeiten, nicht jedoch an der ursächlichen Störung der Tonusregulation.

Alle therapeutischen Maßnahmen werden täglich ausreichend zu Hause durchgeführt. Das ist entscheidend. Als Ergotherapeutin schätze ich besonders, nun gezielte und einfache Übungen für zuhause anleiten zu können.

Befundungsspezifische Besonderheiten bei der Anwendung der ROTA-Therapie

Vergleich der Körperhaltung eines männlichen Kindes im Rahmen der ROTA-Therapie anhand der WirbelsäulenstellungOb eine Störung der Tonusregulation oder der zentralen Koordination vorliegt, kann der Kinderarzt durch die Vojta-Lagereaktionen feststellen. Meist erfährt man aber bereits aus der Beschreibung des Kindes beziehungsweise dessen Entwicklung viel über eine mögliche Belastung. Zähneknirschen, Saugschwäche, Zehenspitzengang oder Senkfuß sind nur einige Begriffe in diesem Zusammenhang. Bei vielen Kindern ist auch eine Tonuserhöhung oder Asymmetrie im Rückenbefund ersichtlich, der dient bei dieser Therapieform besonders auch zur Kontrolle des Behandlungsverlaufs.

Resümee

Man kennt Koordinationsübungen und auch die Wichtigkeit von überkreuzenden Bewegungen samt einer damit einhergehenden Drehung in der Wirbelsäule. Dennoch waren mir bisher noch nie so deutliche Zusammenhänge und auch positive Erfahrungen vergönnt. Die ROTA-Therapie gibt mir gerade bei Tonusregulationsstörungen jeglicher Art ein wertvolles Werkzeug in meiner Arbeit, vor allem auch weil man bereits sehr früh (im Säuglingsalter) wichtige Impulse für eine gesunde Entwicklung setzen kann.

Weiterführende Literatur

Weblink

Bettina Hutterer ist seit 2002 Ergotherapeutin und nach ihrer klinischen Tätigkeit in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie seit 2009 freiberuflich in freier Praxis, vorwiegend im Fachbereich Pädiatrie tätig—Website

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