Die tägliche Therapieeinheit mit der elektrischen Zahnbürste, wenn das nicht alltagsnah ist…

Ohne mich jetzt als Zahnputztante aufspielen zu wollen, möchte ich doch mal ein Plädoyer auf die Wichtigkeit des Zähneputzens aus ergotherapeutischer Sicht halten. Ist denn die Frage nach der täglichen Mundhygiene bei meinen Kolleginnen und Kollegen ein fixer Bestandteil der Befragung/Befundung? Wenn nicht, wär es mal einen Versuch wert… (Artikelbild von Bettina Hutterer)

Wir können uns, denke ich, darauf einigen, dass die Wahrnehmung im Mundbereich bei taktil auffälligen Kindern oder auch bei einer Sprachkomponente meist schlecht ist. Die Auffälligkeiten mit dem Essen, wenn Kinder besonders heikel/empfindlich sind, schlingen, patzen usw. oder schon frühkindlich ein Regulationsproblem haben (Saugen, Schnuller, Stillen) sind bekannt. Da erstaunt es nicht, dass auch das Zähneputzen für viele ein Problem ist, beziehungsweise nicht gemocht wird, aber gerade deswegen auch aus therapeutischer Sicht Betrachtung verlangt.

Eine elektrische Zahnbürste, sofern sie auch vibriert ist in diesem Bereich eine wertvolle Stimulation, ein alltägliches Massagegerät sozusagen. Dabei kann man bei abwehrenden Verhalten durchaus auch außen an der Wange, um den Mund herum oder auf den Lippen beginnen. Bei mehrfach behinderten bzw. spastischen Patientinnen und Patienten wird der Zugang in den Mundbereich ja häufig verweigert (fester Mundschluss oder Zähne zusammenbeißen), in diesem Fall kann die Massage – außen angesetzt – Strukturen lockern.

Auch innen bietet die elektrische Zahnbürste mehr Stimulationsmöglichkeiten, als man zuerst denken könnte, so können die Wangen ausgestrichen oder die Zunge abgebürstet werden. Bleiben die Augen beim Zähneputzen geschlossen, liegt der Schwerpunkt erneut auf der Wahrnehmung, fällt ja dadurch die visuelle Kontrolle vor dem Spiegel weg. Apropos Spiegel, ich bitte jede/n der/die diese Zeilen liest, sich kurz vorzustellen wie er/sie beim Zähneputzen positioniert ist – sehr ergonomisch, oder? Vielleicht ist dem/der einen oder anderen ein Rundrücken, eine überstreckte Halswirbelsäule oder ähnliches aufgefallen. Und das doch einige Minuten am Tag und als ein weitgehend gefestigter Handlungsablauf.

Kind mit offenem Mund beim ZähneputzenDoris Bartel (Begründerin der ROTA-Therapie) beschreibt zwei Positionselemente, wobei ich die Empfehlungen des Hinsetzens beim Zähneputzen jetzt mal außer Acht lasse, das wäre ein extra Thema. Um eine überkreuzende Bewegung zu fördern, wie wir es ja oft in der Therapie beabsichtigen, und eine Rotation in der Wirbelsäule zu ermöglichen ist es durchaus sinnvoll den rechten Mund-/Zahnbereich mit links zu putzen und die linke Backe mit der rechten Hand. Der zweite Tipp betrifft die Position der Hand, bei den dicken elektrischen Zahnbürsten ergibt sich meist eine Haltung im pronierten Globalgriff. Ein Umgreifen auf eine Stifthaltung der Zahnbürste erfordert einige Manipulation in der Hand, z.B. vom Wechsel der oberen Backenzähne auf die unteren. Welch ein Training für unsere Graphomotorik-Patientinnen und Patienten! Und das täglich einige Minuten und ganz einfach zu erlernen. Zudem ergibt sich ein viel entspannteres Handbild mit reguliertem Tonus im Gegensatz zur Faust, die man sonst vor den Augen hält. Denn was man ständig sieht bildet sich in unserem Gehirn als normal ab.

Ein kleines Therapieprogramm mit der Zahnbürste zusammengestellt, finden ergotherapeutische Aspekte Eingang in einen enorm alltäglichen Bereich. Mindestens zweimal am Tag wird dann geübt, sehr praktisch…

Übrigens, habt ihr gewusst, dass bis zum achten Lebensjahr von Erwachsenen nachgeputzt werden soll?

Bettina Hutterer ist seit 2002 Ergotherapeutin und nach ihrer klinischen Tätigkeit in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie seit 2009 freiberuflich in freier Praxis, vorwiegend im Fachbereich Pädiatrie tätig—Website