Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten haben in ihrer beruflichen Tätigkeit wohl am ehesten mit Geräten für Unterstützte Kommunikation zu tun, wenn die Verwendung der Geräte selbst Probleme bereitet, zum Beispiel Anbauten am Rollstuhl, Positionsveränderungen des Geräts oder die Anfertigung von individuell angepassten Hilfsmitteln zur Bedienung zu Themen von Klientinnen und Klienten werden. Mir selbst war zwar bekannt, dass Geräte wie KommunikationstafelnSprachcomputer und andere Hilfsmittel existieren und auch verwendet werden, aber ich kam weder in meiner klinischen noch in meiner freiberuflichen Tätigkeit bisher mit ihnen in Berührung. Das sollte sich im Sommer 2012 allerdings recht rasch ändern…weil ich die deutsche Übersetzung für eine iPad-App aus dem Bereich der Unterstützten Kommunikation namens Predictable durchgeführt habe. Über Predictable selbst und den Funktionsumfang der App werde ich in diesem Beitrag allerdings recht wenig schreiben, hier steht der Prozess im Vordergrund – die Ungeduldigen, die nicht bis nächste Woche warten können finden im Abschnitt Weblinks weiterführende Informationen.

Dieser Beitrag ist mit einem Preisausschreiben in der nächsten Woche gekoppelt, bei dem es Predictable 3 für das iPad vier mal zu gewinnen gibt – wer von den Leserinnen und Lesern also fallweise beruflich mit Unterstützter Kommunikation zu tun hat, der kann bei der anschließenden Lektüre gleich herausfinden ob Predictable 3 vielleicht für ihn oder sie geeignet wäre – befreundete Logopädinnen und Logopäden können übrigens gerne auch informiert werden…

Ein Tweet mit Folgen

Viel habe ich mir nicht gedacht, als ich über Scene And Heard von TBoxApps getwittert habe, ein interessante Nachricht an einem Dienstag zum Hashtag #OTuesday – unter dem Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten dienstags aufgefordert sind über Ergotherapie zu twittern um unserem Beruf zu mehr Breitenwirkung zu verhelfen – mehr nicht.

Dass mir dann allerdings noch am selben Nachmittag eine E-Mail mit folgendem Inhalt zugesandt wurde, hat mich doch sehr überrascht (die E-Mail wurde von Rebecca Bright verfasst, eine Logopädin und Gründerin von TBoxApps, die ich in Düsseldorf noch persönlich kennenlernen sollte):

Hi Markus

Thanks for tweeting about our apps. We are actually about to start a German version of „Predictable“ which is our top app. We are looking for German OTs and speech therapists who may be interested in helping with localisation, translation and also to do training etc in German.

If you are interested, or know someone who might be, please let me know

Ich war definitiv interessiert – so etwas hatte ich bisher noch nicht versucht und in den ersten E-Mails hörte sich der Arbeitsaufwand auch recht überschaubar an, folgende Punkte waren zu diesem Zeitpunkt abzuarbeiten:

  • Übersetzung und Anpassung des Benutzerhandbuchs in der Applikation selbst an die aktuelle Version – Predictable Deutsch (im Folgenden „PAG“) war zu diesem Zeitpunkt auf der Funktionsebene die fortschrittlichste Version, eine reine Übersetzung des vorhandenen Texts reichte also nicht aus
  • Übersetzung sämtlicher GUI-Elemente – das heisst die Übersetzung aller Bedienelemente auf dem Bildschirm und aller Nachrichten, die die App an Benutzerinnen und Benutzer in grafischer Darstellung ausgibt, sei es in Form von iOS-Push-Benachrichtigungen oder in Form von Benachrichtigungen die auf dem grafischen Stil von PAG selbst beruhen
  • Übersetzung der Texte für die Website von TBoxApps – um deutschen Kundinnen und Kunden adäquate Informationen im Web anbieten zu können
  • Übersetzung der Texte für iTunes – also im Wesentlichen eine Kurzbeschreibung der Applikation und eine Liste des Funktionsumfangs von PAG
  • Übersetzung von Texten für Informationsmaterial in Printmedien – hauptsächlich für Texte von Flyern und Ähnlichem

Das Text-zu-Sprache-Modul in PAG wird von der Firma Loquendo bereitgestellt, die 2011 von Nuance Communications gekauft wurde – die sich wiederum in Teilbereichen für Apple’s Siri verantwortlich zeichnen. Eine Übersetzung des Gesamtwortschatzes von PAG konnte also glücklicherweise unterbleiben, ich möchte gar nicht wissen, wie viele Wörter das gewesen wären…

Nach Unterzeichnung eines NDA’s und ein paar Gesprächen über Skype waren wir uns recht schnell einig über die Aufwandsentschädigung für die geleistete Arbeit – und dann war es auch bald Zeit für meinen Jahresurlaub…

Mit dem Notebook am Strand

Fotografie eines Sonnenuntergang in KroatienOk, gelogen, an den Strand habe ich meinen Rechner im Urlaub nie mitgenommen – aber an Übersetzungsarbeiten an Urlaubsvormittagen am Balkon mit Meerblick kann ich mich lebhaft erinnern. In dieser Zeit entstand der Hauptteil des deutschen Benutzerhandbuchs und ein Großteil der Übersetzung der GUI-Elemente, sowie die gesamten Texte für das Printmaterial – das hat tatsächlich eine Menge Spaß gemacht und war Herausforderung genug um mich wirklich herauszufordern.

Ich bin ein großer Fan der „Extra Meile“ bei den meisten Dingen, die ich anfange (was andere Menschen manchmal ein bisschen in den Wahnsinn treiben kann) und bei der Arbeit an PAG wurde dies vor allem im Hinblick auf die Anwendungserfahrung von Benutzerinnen und Benutzern wichtig: Die Bezeichnung von Elementen und Funktionen von PAG musste über alle Dokumente und GUI-Elemente hinweg sowohl stringent als auch kohärent sein und auf dem zur Verfügung stehenden (und recht beschränkten) Raum, nämlich dem iPad-Bildschirm, in zwei Darstellungsvarianten (Porträt- und Landschaftsmodus) Platz finden. Eine wirkliche Herausforderung, die meiner Einschätzung nach angesichts des Endprodukts gut gelöst wurde.

Bei der Gestaltung des Benutzerhandbuchs in der Applikation hatte ich prinzipiell völlig freie Hand, auch was die Gestaltung der Bildschirmfotos anging – und da habe ich mich auch richtig ausgetobt, Interessierte finden einen Link zum deutschen Benutzerhandbuch von PAG in den Weblinks am Artikelende.

Testphase und Online-Spreadsheets

Das PAG dann auch getestet werden musste, daran hatte ich anfangs eigentlich gar nicht gedacht – und daran, dass ich in die Testphase involviert sein würde schon gar nicht. Rückwirkend betrachtet ergibt es natürlich wenig Sinn, eine deutsche Applikation ausschließlich von englischsprachigen Entwicklern testen zu lassen. Dass sich die Testphase allerdings über fast 20 Arbeitsstunden und fünfzehn verschiedene Versionen von PAG erstrecken sollte – damit habe ich tatsächlich nicht gerechnet.

Ebenso wenig wie mit der Simultanbearbeitung eines Online-Spreadsheets mit vier anderen Personen und einer zeitgleich stattfindenden Skype-Besprechung in Englisch – lustig, lustig…

Reha Care in Düsseldorf

Mitte Oktober 2012 fand in Düsseldorf die Reha Care-Fachmesse statt – meines Wissens die größte Fachmesse mit dieser Thematik in Europa – und ich wurde von TBoxApps für einen Tag eingeladen um an der Betreuung des Messestandes mitzuwirken.

Fotografie der Aussicht von der Schnellenburg auf den RheinAbgesehen davon, dass ich geschäftliche Flugreisen und Hotelübernachtungen einfach sterbenslangweilig und hoffnungslos umkomfortabel finde, war die Erfahrung einer Standbetreuung eine sehr bereichernde. Und eine Abschlussbesprechung des Tages bei strömendem Regen in einem direkt am Rhein gelegenen Restaurant hat definitiv etwas für sich. Dass ich am Abend im Hotel angesichts der zahllosen in weiss gekleideten Personen etwas irritiert war mag nachvollziehbar sein – der Taxifahrer, der mich morgens zum Flughafen brachte, hat mich allerdings über die Sensation-Tanzveranstaltung aufgeklärt. Ähnliches haben wir übrigens in Kärnten unter dem Namen Fête Blanche (Achtung: Sound) auch…

Was ich dabei lernen konnte

Nun, in erster Linie wohl, das Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten ein sehr vielseitiges Völkchen sind und man sich in Umbekanntes am besten kopfüber hineinstürzt um ein Maximum an Erfahrung mitzunehmen. Abgesehen davon, dass sich dieses Projekt in meinem Lebenslauf hervorragend macht, ich eine Menge Spaß hatte, auf technischer und sprachlicher Ebene sehr viel gelernt habe, interessante Menschen kennenlernen konnte, meinen ersten reinen Business-Trip absolviert habe, meine Softwareumgebung viel besser kennengelernt habe und adäquate Versionsverwaltung von zahlreichen Dokumenten betrieben habe, konnte ich auch einen ausgedehnten Ausflug in die Welt der Unterstützen Kommunikation unternehmen – eine Welt, in die man als Ergotherapeut eher wenig Einblick hat. TBoxApps – es hat Spaß gemacht!

Kleine Wermutstropfen am Ende

Ein paar Kleinigkeiten hätte ich natürlich noch zu bemängeln – nicht an der Applikation selbst, die wird auch von Logopäden für gut befunden (gell, Alex) – aber im Bezug auf die „Extra Meile“, die meiner Einschätzung nach nicht immer bis zum Ende gegangen wurde. Allerdings betreibe ich auch keine Firma, habe keinen Kostendruck in dem was ich tue und kann mir für Dinge in der Regel soviel Zeit nehmen wie diese meiner Einschätzung nach benötigen. Ich bin allerdings sehr zuversichtlich, dass sich auch diese Kleinigkeiten noch klären werden und wer weiß, was die Zukunft bringen wird…ich wittere noch einige Versionen von Predictable am Horizont.

Viermal Predictable Deutsch zu gewinnen

Fotografie des Messestandes von TboxApps auf der Reha-Care 2012Ein Teil meiner Aufwandsentschädigung besteht in vier Gratisversionen von Predictable 3 Deutsch für das iPad in Form von Gutscheincodes für den iTunes-Store – und diese Codes werden nächste Woche am handlungs:plan verlost. Predictable kostet aktuell 139,99 €, ist für eine App also nicht gerade billig (im Vergleich zu einem Sprachcomputer allerdings schon) und läuft auf allen iPads ab iOS 4.2. Wer also das Gefühl hat die App in seiner täglichen Arbeit benötigen zu können, der kann sich ganz gute Chancen ausrechen. Hauptzielgruppe für die App sind meiner Einschätzung nach Logopädinnen und Logopäden (die ihr über die Verlosung selbstverständlich gerne informieren könnt), aber auch Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten haben abhängig vom Fachbereich in ihrer Arbeit immer wieder mit Menschen mit Kommunikationsschwierigkeiten zu tun – eine Klientel, die von Predictable in vielen Fällen profitieren kann.

Viel Spaß beim Mitmachen und viel Glück wünsche ich schon an dieser Stelle, bis nächste Woche!

Weblinks