Schon lange plagen sich Ergos, Physios, Logos und Podologen mit formalen Fehlern auf Verordnungen rum. Auch, wenn die Rechtsprechung die Prüfpflicht bestätigt, sorgt sie im Alltag für schier absurde Situationen. Das wissen alle niedergelassenen Therapeuten und ihre Teams. Sie wissen auch, dass Krankenkassen am längeren Hebel sitzen, wenn Therapeuten formale Fehler auf eingereichten Rezepten übersehen. Und sie wissen, dass Krankenkassen mit Formfehlern sehr unterschiedlich umgehen, nicht selten aber eine harte Linie fahren, nachträgliche Korrekturen nicht zulassen und bereits geleistete Arbeit nicht vergüten. Seit gestern Abend wissen es auch die Zuschauer der ZDF-Polit-Sendung Frontal 21. Damit ist das Thema nun in der allgemeinen Öffentlichkeit angekommen. Gut so. Aber…

…ich möchte dazu gerne noch was ergänzen. Denn dass das Thema so brisant ist, lässt sich nur vordergründig auf die Pedanterie und den Kontrollwahn der Kassen zurückführen. Interessant ist nämlich auch die Frage:

Warum passieren eigentlich so viele Fehler?

Die Sendung sprach davon, dass bis zu einem Drittel der ausgestellten Verordnungen nicht korrekt sind. Das ist bombastisch viel. Als Erklärung dafür wurde die Heilmittel-Richtlinie angeführt, die nach der Interessenlage der Kassen konzipiert sei. Diese Erklärung ist naheliegend. Doch wir dürfen an diesem Punkt noch weiter denken. (Artikelbild via Wikimedia Commons)

Problemfeld 1: Verantwortlichkeit

Wenn therapeutische Leistungen bis ins Kleinste klassifiziert (und mit Preisschildchen versehen) werden, sorgt das für Transparenz. Jeder kann nachvollziehen, was in der Therapie gemacht wird (und was es kostet). Es ist sicher unstrittig, dass es eines entsprechenden Regelwerks bedarf. Insofern hat die Heilmittel-Richtlinie eine wichtige Funktion.

Doch man könnte auch mal darüber reden, warum die ärztliche Verordnung sich bis ins Kleinste auf das Regelwerk beziehen muss. Würde es nicht ausreichen, Verordnungstexte zuzulassen, die eine ärztliche Diagnose aufführen, das Heilmittel benennen und einen Therapiebericht einfordern, damit der Arzt den Fortgang der Therapie überprüfen kann? Müssen sich Ärzte mit den Details von zig verschiedenen Therapierichtungen auskennen? (Ärzte müssen sich bereits mit zig verschiedenen ärztlichen Therapieverfahren auskennen, was auch schon unmöglich ist und weshalb sie sich spezialisieren.) Muss es also sein, das Ärzte spezialisierten Therapeuten mithilfe von 2–3-stelligen Indikationsschlüsseln detailliert vorschreiben, was sie wann zu tun haben? Finden Ärzte wirklich, dass das nötig ist?

Wenn auch Ärzte die momentane Aufteilung der Verantwortlichkeiten für nicht zweckmäßig halten – und dafür gibt es immer mehr Anzeichen – und wenn diese Aufteilung für eine solche Fehlerflut sorgt, die einen immensen wirtschaftlichen Schaden verursacht, frage ich mich, warum man das nicht schnellstmöglich ändern kann. Herr Bahr?

Problemfeld 2: Sparwahn

Die Kassen haben zu wenig Geld. Sagt man. Naja, man muss das nicht glauben. Und Anzeichen dafür, dass das nur die halbe Wahrheit ist, gibt es einige. Denn für Präventionsangebote, Medical Wellness und dergleichen hat man Geld und gibt es auch aus. Das bringt nämlich Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz. Mit Leistungskatalogen à la Schlaganfall- und Hilfsmittelversorgung kann man bei jungen, zahlungskräftigen Versicherten nicht punkten. Und um die geht es.

Ich will damit nicht sagen, dass ich diese Leistungen für überflüssig halte. Im Gegenteil. Ich finde es gut, wenn Menschen motiviert werden, ihre Gesundheit möglichst lange zu erhalten. (Wobei man sich schon fragen darf, warum das alles die Krankenkassen finanzieren sollen. Aber das ist ein anderes Fass, was ich hier jetzt nicht aufmache.) Es würde mich schon interessieren, warum Kassen und Politik beim Thema Sparen zuerst an die Krankenversorgung denken. Man ist dem Versorgungssystem gegenüber sehr misstrauisch, unterstellt Leistungserbringern, sie würden systematisch betrügen, und selbst die Patienten simulieren angeblich massenhaft. Auf solche Meldungen in der Presse reagieren die Verantwortlichen reflexhaft mit neuen Reglementierungen. Um Geld zu sparen. Man will ja nicht unrechtmäßig erbrachte Leistungen zahlen. Ja, das kann ich verstehen. Nein, darüber gibt es keinen Dissens.

Aber ich würde auch gerne mal hören, dass man sich Gedanken über Systemfehler macht. Wo kann man Geld sparen, das durch schlechte Abläufe verpufft? Welche Steuerungsinstrumente gibt es, die nicht mit Bestrafungen von Einzelnen operieren, Kleinkriege und Existenzbedrohungen zur Folge haben, sondern zu sparsamem und effektivem  Verhalten motivieren und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Teilen des Systems fördern. Damit die Krankenversorgung besser wird.

Denn damit könnte man ziemlich viel Geld einsparen. Wetten, Herr Bahr?

Problemfeld 3: Patientenverschiebung

Viele Patienten werden heute ziemlich viel hin und her geschickt. Das dient leider meistens nicht dazu, dass sich ihre Versorgung verbessert, weil sie bei einem besser für das Krankheitsbild qualifizierten Arzt landen. Sie landen halt einfach nur bei einem anderen Arzt, der dann die Kosten für Behandlungen verantworten muss. So werden schwer kranke Menschen nach wenigen Tagen aus Krankenhäusern entlassen, obwohl sie für zu Hause oder eine Anschlussheilbehandlung noch nicht fit genug sind. Egal. Dann macht man die Therapie eben ambulant. Gut. Kann man machen. Aber um die gleiche Qualität zu bekommen, muss man dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen auch vergleichbar sind. Sind sie das, Herr Bahr? Können niedergelassene Therapeuten vernünftig ihrer Arbeit nachgehen? Nein, denn zuerst müssen sie sich durch den Bürokratiedschungel schlagen, damit sie nicht hinterher auf den Kosten sitzen bleiben!

Stattdessen verschwendet man lieber kostbare Energie und Zeit der Patienten, Ärzte und Therapeuten damit, dass sie sich um Frickelfehler kümmern müssen. Ärzte schauen genervt zum x-ten Mal in die Heilmittel-Richtlinie, um bei einem schon einmal ausgestellten Rezept nicht wieder den gleichen Fehler zu machen (dafür dann aber manchmal einen anderen). Also schickt man die Patienten wieder zurück zum Arzt, von dem sie kommen. Der ärgert sich – wenn es schlecht läuft – über die Praxis und streicht den Therapeuten aus seinen Empfehlungslisten. Oder die Patienten sind so abgeschreckt von der vielen Rennerei, dass sie auf die Therapie verzichten (was ziemlich hohe Folgekosten verursachen kann). Vordergründig hat das System aber erst mal Geld gespart. Ziel erreicht, dank Patientenverschiebung.

Wird dabei eigentlich irgend jemand gesünder, Herr Bahr?

Problemfeld 4: Zielsetzung

Wofür machen wir das eigentlich? Setzen uns ein für Patienten, bilden uns teuer fort, rackern uns ab, akzeptieren niedrige Vergütungssätze für hoch qualifizierte Arbeit und familienunfreundliche Arbeitszeiten? (Wenn ich wir sage, meine ich Therapeuten und Ärzte.) Wir haben einen medizinischen Beruf ergriffen, weil wir anderen Menschen helfen wollten. Nicht, weil wir Handlanger der Kassen in punkto Geldsparen sein wollen und Freude daran haben, uns und unsere Leistungen zu rechtfertigen.

Wir haben fachliche Reputation zu verlieren, wenn unsere Patienten nicht von unserer Arbeit profitieren. Brauchen wir da zusätzlich noch Regresse und abgesetzte Verordnungen? Brauchen wir Therapeuten nicht eher Ausbildungsstrukturen, die uns auf die Praxisanforderungen so vorbereiten, dass Kostenträger an uns und unsere Leistungen glauben und überzeugt sind, dass ihr Geld bei uns gut angelegt ist? Herr Bahr?

Stattdessen haben wir ein System, dass uns bei der Arbeit am Patienten nicht den Rücken stärkt, sondern uns ständig Knüppel zwischen die Beine wirft. Aua, Herr Bahr!

Die Frontal21-Sendung kann man sich in der ZDF-Mediathek anschauen (“Wie Krankenkassen Geld eintreiben  – Bürokratenwahn beim Physiotherapeuten”).

Schlussbemerkung

Herr Bahr kann einem fast leid tun. Vielleicht tröstet es ihn, wenn er weiß, dass er hier nur deshalb mit Namen angesprochen wird, weil er der Herr über all die schlauen Gesundheitsökonomen und -stiftungen ist, die sich mit der Monetarisierung von Gesundheitsleistungen beschäftigen und die Einfluss auf Herrn Bahr nehmen wollen. Vielleicht haben sie vergessen, dass Herr Bahr das letzte Wort hat? Wollen Sie die Damen und Herren daran erinnern, Herr Bahr?

Silke Jäger ist Ergotherapeutin, Lektorin und Projektmanagerin und verdient ihre Brötchen als Freiberuflerin mit Texten über Rehabilitation, Therapie und Gesundheitsthemen—Website