Einleitung

Sucht man im Lehrbuch nach Behandlungsmöglichkeiten bei Tendovaginitis des ersten Strecksehnenfaches findet man folgende Aufzählung:

  • Ruhigstellung
  • Querfriktion
  • Lokal entzündungshemmende Maßnahmen – Kühlen
  • Kortisoninjektion
  • Operative Spaltung des Strecksehnenfaches
  • Elektrotherapie

So weit, so gut. Morgen hat sich eine Klientin bei mir angekündigt, die sich als erste Option nach erfolgloser Ruhigstellung nicht zur Operation und Strecksehnenspaltung entschließen möchte – anhand dieser Fallschilderung möchte ich zeigen, dass auch durch Verhaltensänderungen Verbesserungen der Symptomatik möglich sind und eine Operation nicht immer sein muss…

Ergotherapeutischer Erstkontakt

Anamnese & Diagnostik

Frau S. ist eine gebildete, etwa 30 jährige Frau. Sie erzählt, dass sie wegen der Schmerzen im Daumen schon bei einem Handspezialisten war, der eine Tendovaginitis im 1. Strecksehnenfach diagnostizierte. Das Röntgen der Hand ist unauffällig, eine zweiwöchige Ruhigstellung mit einer thermoplastischen, abnehmbaren Schiene hat zwar Linderung gebracht, aber die Beschwerden flammen immer wieder auf. Daraufhin empfiehlt der Arzt die operative Spaltung des ersten Strecksehnenfaches. Das Palpieren des ersten Strecksehnenfaches ist schmerzhaft, der Dehntest nach Finkelstein positiv, die Diagnose also eindeutig.

Alltagsbeobachtung

Im Gespräch bin ich auf der Suche nach immer wiederkehrenden, eintönigen Belastungen im Alltag für die Daumenstrecksehne der Klientin. Sie kann keine Angaben machen, sie arbeitet nicht manuell, macht keinen handbetonten Sport (Stockeinsatz), sie hat im Haushalt Hilfe. Die Klientin wird aufgefordert den Daumen zu bewegen und nach diversen Gegenständen zu greifen.

Ich beobachte die Klientin beim Greifen. Es fällt sofort auf, dass der Daumen im Sattelgelenk adduziert gehalten wird und im Grundgelenk immer überstreckt. Die Kapsel-Bandstabilität im Grundgelenk ist unzureichend, die muskuläre Stabilität der Hand und des Daumens ebenso.

Wenn die Klientin in ihrem gewöhnten Greifschema zupackt, kann ein „Springen“ der Strecksehne unter dem Strecksehnenfach ertastet werden. Insbesondere dieses Überspringen oder Schnappen der Strecksehne ist schmerzhaft. Das Sehnenspringen scheint eine Sehnenscheidenentzündung zu provozieren. Ich probiere aus, ob das Springen verschwindet, wenn ich den Daumen aus seiner adduzierten Stellung manuell in einer Abduktion und Opposition fixiere und damit die Hyperextension des Grundgelenkes ausschalte. In dieser Stellung findet kein Springen statt. Somit fertige ich eine kleine Lagerungsschiene aus Thermoplast in dieser Stellung an. Der Plan ist, dass ohne „Springen“ die Sehnenscheidenentzündung zur Ruhe kommen kann.

Weiterer Verlauf der ergotherapeutischen Behandlung

Der Schmerz ist etwas besser geworden, aber noch immer störend. Auf die Frage nach Alltagstätigkeiten, hat die Klientin diesmal eine klare Antwort. Sie hat sich – wie besprochen – im Alltag selbst beobachtet und entdeckt, dass besonders das Schreiben mit Stiften für sie schmerzhaft ist. Da sie beruflich fast immer schreiben muss, nimmt diese Tätigkeit auch viel Platz in ihrem Alltag ein – die Spur ist heiß.

Schreiben als häufige Alltagsbelastung

Ich bitte Frau S. etwas zu schreiben. Ihre Stifthaltung ist auffällig, sie schlägt beim Halten des Stiftes den Daumen über Zeige- und Mittelfinger, der Daumen übernimmt die Stiftführung zur Gänze und die Kraftdosierung ist nicht ausgeglichen. Da die Daumenkuppe beim Schreiben weiss wird, ist ersichtlich, dass die Kraftanstrengung für den Daumen groß ist.

Frau S. fällt sofort eine eigene Lösung ein. Da sie mit Kindern arbeitet, kennt sie schon diverse Griffverdickungen als Schreibhilfe. Wir probieren das sofort aus: Wenn Frau S den Stift mithilfe der Schreibhilfe in korrekter Schreibhaltung festhält ist auch die Kraftdosierung sofort besser möglich, der Daumen entspannt sich und somit nehmen auch die Spannung und der Druck auf das Strecksehnenfach ab.

Frau S. erhält Schwung und Kritzelübungen für zu Hause, welche sie mit der Schreibhilfe durchführen soll. Sie soll dabei auf eine entspannte und lockere Muskelspannung achten. Da sie alles gut versteht kann sie dies auch sofort umsetzten.

Ich erkläre erarbeite mit der Klientin folgende therapierelevanten Fragen:

  • Was ist die Ursache?
  • Bewegung oder Belastung?
  • Falsche Greifmuster?
  • Instabilität?
  • Kraftdosierung?

Die Klientin beginnt sich im Alltag selbst zu beobachten und erlernt durch Selbstkontrolle ein physiologisches Greifmuster. Zu Beginn verhindert eine kleine thermoplastische Schiene das Überstrecken des Daumens, danach wird auf die Unterstützung und Zügelung durch einen Tapeverband gewechselt.

Veränderung von gewohnten Mustern mit Übungen nach Perfetti

Das Umlernen des Greifmusters wird mit sensomotorischen Übungen nach Perfetti angebahnt. Dadurch wird der motorische Handlungsplan im primären und sekundären motorischen Rindenfeld neu programmiert. Die Klientin erlernt diese in der Therapie und führt die Übungen in der 3. Behandlungsstufe selbst zu Hause durch: Unterschiedliche Längen sollen ohne Blickkontrolle mit einem Zangengriff zwischen Daumen und wechselnden Langfinger erkannt und zugeordnet werden. Das Daumengrundgelenk soll dabei stabilisiert werden und immer das physiologische Greifmuster angewandt werden.

Fazit der ergotherapeutischen Behandlung

Das Springen der Sehne nimmt kontinuierlich ab. Bei unbedachten kraftvollen Alltagsbewegungen kommt es noch zu diesem schmerzhaften Phänomen, die Frequenz hat sich jedoch deutlich reduziert und die Sehnenscheidenentzündung konnte abheilen.

Nach zehn Ergotherapieeinheiten

  • kann die Klientin physiologisch zupacken
  • kann die Klientin das Daumengrundgelenk spontan stabilisieren
  • haben sich die stabilisierenden intrinsischen Muskeln gekräftigt
  • ist das „Springen“ der Strecksehne sehr selten geworden
  • hat die Klientin ein Selbstmanagement erlernt – sollte die Entzündung wieder mal aufflammen: Schiene, lokale kühlende Maßnahmen, Schonen

Durch genaueres Hinsehen und mehr Zeit in den Ambulanzen würden sich meiner Einschätzung nach wohl viele operative Eingriffe erübrigen…

Andrea Moser ist Ergotherapeutin, mit langjähriger klinischer Erfahrung im Bereich Orthopädie. Sie ist sowohl in einer Klinik in Klagenfurt als auch freiberuflich als Ergotherapeutin tätig—Website

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