…bei Alltagsaktivitäten wie dem Anziehen, wenn sich die Therapieinhalte auf ADL beschränken? Dieser Frage gingen Wissenschaftler der Cochrane Collaboration nach, werteten dazu mehrere Studien aus und kombinierten die Ergebnisse miteinander. Das daraus entstandene Review wurde 2006 veröffentlicht. Die zugrundeliegenden Studien stammen aus den Jahren davor. (Artikelbild von istolethetv via Flickr)

Das Review diente als Grundlage für einen Artikel, den ein Newsletter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) 2008 verbreitete. Das IQWIG ist ein unabhängiges wissenschaftliches Institut, das Nutzen und Schaden medizinischer Maßnahmen für Patienten untersucht. Dazu wird die Studienlage zu einzelnen Fragestellungen erfasst und ausgewertet. Die Ergebnisse dieser Auswertungen zeigen den Nutzen und die Nachteile von Arzneimitteln und Therapien auf. Die Gutachten liefern sowohl der Gesundheitspolitik als auch Anwendern und Patienten wichtige Informationen für objektive und unabhängige Entscheidungen. Der Newsletter des IQWIG, der gleichzeitig auf der Seite Gesundheitsinformationen.de erscheint, richtet sich an Patienten und Laien.

Klare Frage, klare Antwort?

Das Review beantwortet die Eingangsfrage verhalten positiv so:

Die zusammen analysierten Ergebnisse zeigten, dass die Ergotherapie einigen Teilnehmenden half, sich besser waschen und anziehen zu können. Auch andere Verrichtungen, wie das Aufstehen aus dem Bett und der Gang zur Toilette, fielen ihnen leichter.

Weiter heißt es:

Die Wissenschaftlergruppe zog den Schluss, dass Ergotherapie das Risiko für eine Verschlechterung der körperlichen Einschränkungen nach einem Schlaganfall senkt. Gleichzeitig kann sie die Selbstständigkeit und die Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung verbessern.

Dieses Ergebnis erscheint vage,  sagt aber immerhin, dass die Ergotherapie nachgewiesenermaßen einen positiven Effekt hat. Ich persönlich hätte mir erhofft, auf die Eingangsfrage “Wie gut hilft Ergotherapie…?” Formulierungen zu lesen, wie: “in 80% der Fälle ist selbstständiges Anziehen nach drei Therapieeinheiten ET möglich” oder “nach einem halben Jahr ET einmal pro Woche schaffen es  9 von 10 Patienten, ihr Hemd mit einer Hand zuzuknöpfen”. Das wäre jedoch nur auf den ersten Blick eine konkretere Aussage darüber, was Ergotherapie bewirkt, da der Vergleich fehlt. Das wäre so, als ob man sagen würde: “80% der Frauen können ein Jahr nach einem Fahrtraining besser einparken”. Man wüsste nicht, ob der positive Effekt wirklich eindeutig dem Fahrtraining zuzuschreiben ist oder ob sich auch ohne Training ein Jahr später der gleiche Effekt zeigt? Konkreter wird es erst, wenn in der Studie zu lesen ist:

  • Occupational therapy is an effective intervention to improve personal ability in activities of daily living in patients who have had a stroke
  • Around 11 (95% confidence interval 7 to 30) people with stroke would need to be treated to avoid a poor outcome in one person

Das IQWIG übersetzt den zweiten Satz so:

Werden elf Menschen mit Ergotherapie behandelt, können bei einem weiteren Menschen die schlimmsten Krankheitsfolgen vermieden werden.

Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich verstanden hatte, was das denn nun bedeutet. Dieser Satz gibt die “Number needed to treat” gemäß dieses Reviews an. Behandelt man also 11 Menschen nach einem Schlaganfall mit Ergotherapie (Schwerpunkt ADL), kann man bei einem zusätzlichen Menschen schlimme Krankheitsfolgen vermeiden, als wenn man 11 Schlaganfallpatienten unbehandelt ließe. Sind 11 Menschen viel oder wenig? Wenn man es anders ausdrückt, wird es vielleicht klar: 11.000 ET-behandelte Schlaganfallpatienten bedeuten 1.000 Menschen mit schlimmen Krankheitsfolgen weniger. Das ist eine überzeugende Quote. Die Autoren des Reviews gehen sogar noch weiter und schließen:

Focused occupational therapy should be available to everyone who has had a stroke.

Es gibt da ein Problem…

Trotzdem gibt es einen Wermutstropfen. Und der taucht häufig auf, wenn es um Reha-Studien geht. Es ist sehr schwierig, geeignete Studiendesigns zu machen, die auch noch in der Praxis durchgeführt werden können. Und so stellt das IQWIG fest:

Allerdings gibt es noch zu wenig wissenschaftliche Nachweise zu der Frage, was genau Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten im Rahmen der Behandlung tun (oder lassen) sollten und wie lange die Therapie hilft. Auch weiß man zu wenig darüber, wie die Patienten und Therapeuten die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten einschätzen und welche Art der Behandlung sie bevorzugen.

…und das sollte auch benannt werden

Ich würde mir wünschen, dass nach solchen Sätzen auch gleich die Erklärung hinzugefügt wird, was solche Studien so schwer macht. Es ist nicht einfach, komplexe Therapieformen wie die Ergotherapie zu evaluieren. Wie schafft man eine Vergleichsgruppe, ohne Patienten und Therapeutinnen zu entblinden? Wie stellt man sicher, dass es unabhängige Bewerter gibt? Man braucht klar skalierbare Zielsetzungen und Bewertungsmaßstäbe sowie möglichst ähnliche Studienteilnehmer. Das führt oft dazu, dass die untersuchte Patientenzahl recht klein ist. Und dann kommt oft auch noch die lange Laufzeit hinzu. Wie können Patienten da motiviert werden, am follow-up teilzunehmen? Da dies aber nicht nur ein Problem bei ergotherapeutischen Studien ist, sondern den gesamten Reha-Bereich betrifft, hätte ich es schön gefunden, wenn das IQWIG in seinem Artikel darauf hingewiesen hätte. Sonst könnte man den Eindruck gewinnen, es beträfe nur die Ergotherapie, für deren Wirksamkeit in Teilen noch die wissenschaftlichen Nachweise fehlten.

Silke Jäger ist Ergotherapeutin, Lektorin und Projektmanagerin und verdient ihre Brötchen als Freiberuflerin mit Texten über Rehabilitation, Therapie und Gesundheitsthemen—Website