Montag, 28.06.2010

Das verspricht wirklich interessant zu werden, meine derzeitige Praxisanleiterin ist die aktuelle schwedische Repräsentantin im COTEC, da habe ich wohl mitten ins Gold gegriffen – unendliche Gesprächsthemenvielfalt inklusive. Natürlich stehe ich jetzt völlig unter dem Eindruck des ersten Tages, und bin dementsprechend aufgedreht (oh ja!), aber man kann sagen was man will – die Entscheidung mein Praktikum in Umea zu verbringen werde ich sicherlich in keinster Weise bereuen (an dieser Stelle nochmal eine herzliche lange Nase an alle Unkenrufer, die gab es nämlich). Es ist für mich auch jetzt nicht so ganz einfach, meine Gedanken in strukturierte Bahnen zu lenken, weil mir ziemlich viel durch den Kopf geht, aber ich werde es zumindest versuchen…zwei Dinge seien einleitend noch erwähnt: lest das mit dem Hintergrund, dass ich einen exzellenten ersten Tag hatte und dementsprechend enthusiastisch bin…und sucht Stella nicht auf den Fotos, denn Katzen haben im Sjukhus keinen Zutritt und sind außerdem wasserscheu…

Rund ums Allgemeine…

Ergotherapeutinnen in Schweden sind alt – das bringt neben dem netten Erscheinungsbild auch ein gerüttelt Maß an Erfahrung mit sich: Agneta hat Ende der 70er Jahre (1978) ihre Ausbildung abgeschlossen, und arbeitet jetzt seit 32 Jahren als Ergotherapeutin, und das größtenteils im Fachbereich der Orthopädie – ich finde das extrem faszinierend, in Österreich gibt es keine ET’s dieser Altersgruppe. Die Ausbildung ist in hohem Maße akademisiert, in Schweden gibt es fast 100 PhD’s im Bereich Ergotherapie, ca. 10 davon als Dozenten in Umea – und das bringt den Vorteil mit sich, dass Ergotherapie in Schweden tatsächlich ein anerkannter (und bekannter) Beruf ist, und sich – aufgrund der Tatsache dass aktive Forschung betrieben wird – zur besseren Darstellung des Berufsbildes tatsächlich auf bewiesene Fakten berufen kannm, was viele Dinge einfacher macht.

Wir haben in einem Parforceritt heute gefühlt eine Million Gesprächthemen an der Oberfläche angekratzt, exemplarisch erwähnt seien ET’s in Gemeinden, die Wichtigkeit von Modellen und klientenzentrierter Arbeit, Finanzierung des schwedischen Gesundheitssystems, Zuständigkeitsbereiche, interdisziplinäre Zusammenarbeit im therapeutische Team und vieles mehr. Eine Tatsache die schwer übersehbar ist, stellt die Wertigkeit der ET’s in Bezug zum ärztlichen Personal dar: der Umgang ist extrem wertschätzend, Ärzte sind jederzeit für Anliegen verfügbar und es existiert keinerlei Gängelung bezüglich des therapeutischen Vorgehens. Auch im interdiziplinären Team ist es ähnlich, fast alle Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten bereits seit 20 Jahren an der Abteilung und sind dementsprechend gut aufeinander eingespielt – und jeder weiß exakt, was sein Aufgabenbereich ist; Dies führt dazu, dass es praktisch keine Kompetenzstreitigkeiten gibt, und die Ergotherapie als solches keine Unbekannte im Therapieteam darstellt. Mir ist klar, dass das in Österreich teilweise auch so ist, aber die ET’s die im Hinterzimmer ihr ganz eigenes Süppchen kochen, scheint es in Schweden nicht zu geben…und in Österreich gibt es sie definitiv.

DIe Bezahlung ist gut – obwohl die Klagen über Unterbezahlung natürlich existieren – Berufseinsteiger verdienen trotzdem ca. 2000 €  netto im Monat; Mir kommen da die Tränen, wenn ich an die Bezahlung „unserer“ ET’s, v.a. in privaten Institutionen denke, in denen am Monatsende 1300 Geldeinheiten aufs Girokonto fließen – und ich hatte schon als Diplomierter Gesundheits-und Krankenpfleger das Gefühl hoffnungslos unterbezahlt zu sein…und kommt mir jetzt nicht mit „so ist das halt“. Außerdem ist tatsächlich Zeit vorhanden um Kaffee (der hier eigentlich immer ohne Zucker genossen wird) zu trinken, für mich als Koffeinjunkie ist das nahe am Shangri-La. Die Zahl der Patienten, die pro Tag zu behandeln sind, variiert – aber mehr als zehn in acht Stunden sind es selten. Und schon wieder möchte ich weinen, diese Tatsache ermöglicht nämlich eine Patientenbetreuung in ungeahnter Qualität, vor allem was die Gesprächführung angeht – man hat wirklich Zeit für seine Patientinnen und Patienten, was an meinen bisherigen Praktikumsstellen – gelinde gesagt – nicht immer der Fall war.

Die Abteilung für Handchirurgie und Plastische Chirurgie

Die Abteilung selbst hat acht (!!!) Betten bei einem Einzugsgebiet von ca. 900.000 Personen, der Großteil der Eingriffe wird tageschirurgisch durchgeführt – auch aufwendigere OP’s wie z.B. Sehnennähte und Ähnliches – an der Station verbleiben wirklich nur Patientinnen und Patienten, für die dies absolut notwendig ist. Sonderklassezimmer existieren im Sjukhus nicht, und die OP-Säle sind nur durch eine einfache Tür vom Gang getrennt, trotzdem halten sich die postperativen Infektionsraten im üblichen Rahmen – habe ich mir zumindest sagen lassen.

An der Abteilung sind drei Ergotherapeutinnen beschäftigt (Agneta, Helena und Lena), eine davon ist auf die Nachbehandlung von Brandverletzungen spezialisiert – in diesem Bereich wird es sicher noch einiges an Interessantem zu berichten geben. Was die durchgeführten Eingriffe angeht, kann ich noch nicht wirklich viel sagen – der heutige Tag bot ein buntes Bild, ich vertiefe mich gleich in Details…

Zusammenfassend gesagt, ist jeder extrem freundlich, praktisch alle Personen (inklusive der Patientinnen und Patienten) sprechen ausgezeichnetes Englisch und alle sind sehr gesprächig. Als Praktikant stehen mir viele Türen offen, vom beobachtenden Teilnehmen an Operationen über die Anfertigung von Schienen bis hin zum Hineinschnuppern in alle anderen Fachbereiche. Ich gedenke diese Möglichkeiten in ihrer Vielfalt komplett auszuschöpfen, vielleicht ergibt sich zusätzlich die Gelegenheit ein paar Tage mit jemandem mitzulaufen, der auf Gemeindeebene tätig ist – ein faszinierendes Konzept für mich, und – in der völligen Abwesenheit dieser Versorgungsebene in Österreich – ein erstrebenswert scheinender Arbeitsbereich. Ach ja, erwähnt ich schon die beratenden Videokonferenzen zwischen Patientinnen und Patienten und ihren jeweiligen Therapeuten, zum Zwecke der Beratung? Sehr eindrucksvoll…

Podcasts, anyone?

Auch zur Aufnahme von Podcasts wird es m.E. nach Gelegenheiten geben, allerdings ausschließlich in englischer Sprache. Themen gäbe es genug, beginnend bei der Geschichte der Ergotherapie in Schweden, über den aktuellen Ausbildungsmodus, Forschungsabeit und vieles mehr. Am ersten Tag ist es natürlich schwierig viel zu planen, aber ich habe das definitiv im Hinterkopf, und wahrscheinlich gibt es mehr Themen, als Zeit vorhanden ist…

Der heutige Tag: Paradigmenfall, Saxophone und Imkerei…

Patient 1:

Traumatische, geschlossene Beugesehnenruptur links, Dig. V, Zone 1 oder 2 (das war nicht so ganz klar), keine Begleitverletzungen, 4. postoperativer Tag

Anfertigung einer Nachbehandlungsschiene – und, guess what, nicht nach Kleinert. Kleinertschienen werden hier seit ca. 2005 in der Nachbehandlung von Sehnenverletzungen nicht mehr eingesetzt – stattdessen kommt ein Konzept zur Anwendung, dass sich „Active Hold“ nennt. Grundvoraussetzung dafür ist eine andere Operationstechnik bei der Sehnennaht, die der Sehne postoperativ mehr Stabilität verleiht. Die Umstellungsphase nahm ein bisschen Zeit in Anspruch – bis jeder Operateur die Technik beherrschte – aber im Vergleich zur Behandlung nach Kleinert scheint es zu einem postoperativ deutlich geringeren Auftreten von Sehnenrupturen zu kommen – andere Parameter, z.B. funktionelles Outcome, scheinen denen der Kleinert-Schienenbehandlung zu entsprechen. Die Schiene wird als Unterarmspange – mit radialseitiger Öffnung – ausgeführt, das Handgelenk soll in 0-Stellung und die MCP’s in 70°-90° Flexion eingestellt sein, die Auskragung soll ein völliges Strecken der Finger ermöglichen.

Das, eigenverantwortlich von Patientinnen und Patienten durchzuführende, Übungsprogramm besteht aus passiver Flexion der betroffenen Hand durch die nichtbetroffene Hand bis in die maximal erreichbare Flexionsstellung, diese wird anschließend für ca. zehn Sekunden passiv gehalten. Die Übungen werden nicht 15x/Stunde sondern maximal alle zwei Stunden mit zehn Wiederholungen durchgeführt – vor dem Hintergrund, dass es effektiver zu sein scheint, eine geringere Wiederholungszahl der Übungen zu akzeptieren und stattdessen auf die Ausführungsqualität der Bewegung mehr Wert zu legen. Zusätzlich kommt es durch die reduzierte Übungshäufigkeit zu geringeren Irritationen im Bereich der Sehne sowie zu einer geringeren Ödembildung. Zusätzlich ist der Aufwand für die Schienenherstellung eklatant geringer als bei der Kleinert-Schiene, dies hat Vorteil für beide Seiten.

Zusätzlich wird noch eine Schutzspange für die Nacht (oder b. Bed. auch für untertags) angefertigt, die die Langfinger von palmar in einer vollständigen Streckung in PIP’s und DIP’s fixiert. Jede Schiene erhält eine Seriennummer und wird in einer zentralen Datenbank registriert, um eine Nachvollziehbarkeit der Behandlung zu gewährleisten. Weitere Nachbehandlungsmaßnahmen wie z.B. tägliche passive Gelenksmobilisation seitens der Ergotherapie finden nicht statt, eine Behandlung der Narbe wird nur bei Komplikationen durchgeführt, zusätzlich erhält der Patient Instruktionen bzgl. ödemreduzierender Übungen und ein Informationsblatt bzgl. der Handhabung der Schiene. Die Schiene wird für vier Wochen ganztags getragen, danach nur noch nachts, aktive Bewegung ohne hohen Krafteinsatz ist ab der vierten postoperativen Woche gestattet – und aus die Maus. Faszinierend…

Ich schreibe zu diesem Behandlungskonzept sicher noch einen ausführlichen Artikel (da mir die gesamte Bibliothek offensteht), aber ich muss mich erst durch die Fachliteratur wühlen – falls ihr bereits jetzt genauere Informationen besitzt, bitte ich um Weitergabe derselben im Kommentarbereich – ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit des Geschriebenen…

Patient 2:

St.p. Fraktur der Mittelhandknochen IV & V rechts (bei Rechtshändigkeit), konservative Therapie, Gips für 6 Wochen, Gipsabnahme vor 3 Wochen, bekannte HG-Arhtrose, Pat. ist beruflich professioneller Saxophonspieler in einer Big-Band, Restödem v.a. im Bereich der MCP’s und des Handrückens, schmerzhafte – möglicherweise kontrakturbedingte – Bewegungseinschränkungen im HG in allen Bewegungsrichtungen, geringgradige Koordinationsstörung der Langfinger

Da der betreffende Pat. täglich mehrere Stunden Saxophon übt, wurde eine Ödembehandlung mit elastischen Bandagen durchgeführt. Wicklung zuerst an den Langfingern von distal nach proximal und von radial nach ulnar, Schlaufenbildung der Bandage zur Druckerhöhung palmarseitig auf Höhe der MCP’S und dorsalseitig im Bereich des Handrückens. Wickelung mit Bandagen verschiedener Breite. Die Tragedauer kann bis zu drei Tagen betragen, je nach olfaktorischer Auswirkung auf die Umgebung…gewickelt mit selbstklebenden Bandagen der Firma 3M.

Und sonst…

…hatten wir noch eine Schienenanfertigung bei einem zehnjährigen Mädchen mit St. p. Amputation der Finger II-V links durch ein Säge und St. p. Replanation der Finger II-IV links am ca. 14. postoperativen Tag, mit noch bestehenden Arthrodesen der MCP’s durch Drahtstifte, zum Zwecke des Schutzes der Hand im Alltag – anschließende Paternosterfahrt durch das Dachgeschoss und Lektionen im Zählen von 1-10 auf Schwedisch inklusive – sowie einen Pat., der den Beruf des Imkers (hmmm, Cranberryblütenhonig…) ausübt, und ein Streckdefizit des PIP an Dig. III der rechten Hand aufwies, und mit einer Schienenspange zur forcierten Extension im PIP versorgt wurde. Den Tagesabschluss stellte ein Patient mit Guillain-Barre-Syndrom in der Remissionsphase nach achtmonatiger Krankheit mit Locked-In-ähnlicher Symptomatik dar, der mit ödemreduzierenden Handschuhen sowie Handgelenksschienen versorgt wurde.

Fazit

Langweilig war mir keine Sekunde, die Möglichkeiten die sich mir bieten, habe ich ohnehin noch nicht in ihrer Gesamtheit erfasst, aber das wird schon werden…die Übernahme eigener Patientinnen und Patienten dürfte so ab Woche 2 möglich (und erwünscht) sein, ich versuche jedenfalls es langsam angehen zu lassen. Und keine Sorge, ich schreibe sicher nicht jeden Tag solche Monster – aber irgendwo muss man ja bekanntlich hinverarbeiten – und Schreiben ist langfristig gesehen besser als Essen…Tippfehler bitte ich bei der Textmenge zu entschuldigen, der Kommentarbereich steht euch allen offen!


Dienstag, 29.06.2010

Ein geschäftiger Tag, ich laboriere jeden Morgen an den Folgen der nächtlichen Sonneneinstrahlung, die es mir praktisch unmöglich macht auch nur daran zu denken, mich vor Mitternacht ins Bette zu begeben…das wird noch ein Spaß mit dem Schlafdefizit!

Diskussionsthemen…

Geredet wurde heute sehr viel, v.a. über die Rolle und das Selbstverständnis von Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten in Schweden, Befunderhebung, MOHO, Top-Down-Behandlungsansätze bis zur letzten Konsequenz, Unterschiede in der Anrede zwischen „Du“ und „Sie“ (das „Sie“ wurde in Schweden in den 60er-Jahren per Gesetz sozusagen abgeschafft, es existiert im Sprachgebrauch der aktuellen Generationen nur mehr für besonders förmliche Anlässe), die Preise von Wochenendhäusern am Wasser – nicht uninteressant, da praktisch alle eines besitzen – und deren Nutzung (ja, ich bin gelegentlich auch gerne allein), sprachliche Unterschiede zwischen Nord- und Südschweden, Adelgeschlechtern und Einkaufsmöglichkeiten. Abgerundet wurde der konversationsbezogene Teil des Tages durch ständiges, hände- und lippenringendes Suchen nach Vokabeln in englischer Sprache, wobei Agneta (sprich: „Anjeta“) wirklich sehr gutes Englisch spricht, und ich selbst auch nicht gerade unfähig bin, aber wenn’s spezieller wird, gibt’s manchmal Probleme…

Praktikumsbedingungen

Ich habe mir ein paar prinzipielle Gedanken zum bestmöglichen Praktikumsoutcome gemacht – ich denke dass ich es so handhaben werde, zumindest sechs der acht Wochen an der handchirurgischen Abteilung zu verbringen, eine Woche möchte ich – falls dies möglich sein sollte – in die Ergotherapie auf Gemeindeebene hineinschnuppern, und eine Woche möchte ich für einzelne Hospitationstage in den verschiedenen Fachbereichen reservieren. Der Freitagnachmittag ist für mich als „Studienzeit“ vereinbart, in der ich mich im Selbststudium durch die Bibliothek wühlen kann (und darf und soll). Ich werde versuchen, genug Material über die „Active-Place-and-Hold“-Nachbehandlung von Beugesehnenverletzungen zusammenzukratzen, um einen  halbwegs fundierten Artikel darüber zu verfassen – und mir wurde nachdrücklich empfohlen, mich in die MOHO-Thematik einzuarbeiten – da haben es FH-Studierende sicher ein bisschen einfacher, die ergotherapeutischen Modelle sind in unserer Ausbildung ein bisschen zu kurz gekommen…

Die Räumlichkeiten

Die Ergo- und Physiotherapie teilt sich – ausnahmsweise einmal nicht im Keller – einen Trakt im sechsten Stock, der gegenüber der Handchirurgischen Abteilung liegt. Neben den üblichen Büroräumen (1x ET, 1x PT) stehen für die Behandlung von Patientinnen und Patienten durch Ergotherpeutinnen und Ergotherapeuten drei Behandlungsräume zur Verfügung: ein Raum dient praktisch ausschliesslich der Anfertigung von Schienen, ein Raum ist für Lena – die Ergotherapeutin, die auf Brandverletzungen und Patientinnen und Patienten der Plastischen Chirurgie spezialisiert ist – reserviert, und ein weiterer Raum mit drei Behandlungsplätzen wird, je nach aktuellem Bedarf, zusammen mit der Physiotherapie benützt. Ich bin fasziniert von den Stühlen, echte Multifunktionsdinger – sehr stilvoll.

Rollenverständnis

In, teilweise recht ausufernden, Gesprächen hat sich heute für mich herausgestellt, dass das, was Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten im Fachbereich der Orthopädie in Österreich tun, in Schweden vorwiegend durch die Physiotherapie erledigt wird. Maßnahmen wie Handkraftmessung, passive Gelenksmobilisation, funktionelle Testungen, Narbenbehandlung und funktionelles Training im eigentlichen Sinn (also durch Übungen) scheinen hier in der Ergotherapie keine besonders große Rolle zu spielen. Extrem großer Wert wird auf das Partizipationsniveau und auf das Niveau der Aktivität von Patientinnen und Patienten gelegt – zusammen mit dem Verständnis der Therapeutinnen und Therapeuten für die Rolle von Patientinnen und Patienten, ergeben sich daraus z.B. Maßnahmen wie die Anfertigung einer Schiene für die 10-jährige Patientin, damit sie am Wochenende Karussell fahren kann, einfach weil es wichtig ist, dass sie – in ihrer Rolle als 10-jähriges Kind – dazu in der Lage ist. Definitiv ein interessanter Standpunkt, v.a. wenn man bedenkt, das dies zu Situationen führen kann, in denen funktionelle Defizite (z.B. einseitig reduzierte Handkraft) nicht als therapiewürdig eingestuft werden, einfach aus dem Grund, dass sie für Patientinnen und Patienten kein Problem darstellen. Im Vergleich zu Österreich, in dem ich oft den Eindruck hatte, dass das funktionell optimale Outcome im Vordergrund steht, und in dem Therapieziele oftmals unter den Gesichtspunkten von Therapeutinnen und Therapeuten formuliert werden, ist das fast eine andere Welt.

Befunderhebung

Wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich dazu noch nicht viel sagen bzw. schreiben…ich konnte heute an einem Erstkontakt mit einer Patientin teilnehmen, der von Helena zusammen mir der Physiotherapeutin – dessen Name mir gerade nicht einfällt – durchgeführt wurde. Angehörige der Therapieberufe nehmen sich jedenfalls viel Zeit (insgesamt ca. 1 1/2 Stunden) dafür. Die Patientin litt – bei Verdacht auf CRPS bei klinisch unauffällig imponierenden Erscheinungsbild – an brennenden, im Verlauf der letzten Monate zunehmenden Schmerzen im Bereich des linken Unterarmes, bei St. p. distaler Radiusfraktur vor ca. 18  Monaten und St. p. Mamma-Ca (brusterhaltende OP, Radiatio und Chemotherapie) vor ca. 3 Jahren. Seitens der Physiotherpaie wurde eine Handkraftmessung durchgeführt – bei der die betroffene Hand naturgemäß im Seitenvergleich äußerst schlecht abschnitt, 24kg kontra 10kg – und ein Trainingsprogramm zur Steigerung der Handkraft besprochen. Seitens der Ergotherapie wurde bei diskretesten Ödemen von linker Hand und linkem Arm ein Kompressionärmel verordnet sowie eine (Fertig-)Schiene zur Stabilsierung des Handgelenks angepasst. Die Patientin wurde wiederbestellt, und das war es vorerst. Meine Schwedischkenntnisse sind leider beschränkt, deshalb kann ich zur nachfolgenden Dokumentation leider keine Angaben machen. Ich lasse das vorerst einfach mal so stehen und gehe davon aus, dass ich die Patientin wiedersehen werde, mal sehen was dann passiert…

Die Patientinnen und Patienten des Tages

Kurz zusammengefasst:

Pat. mit St. p. Handgelenks-OP (n.n.b.) und elektrisierenden Schmerzen bei Berührung im Bereich der thenarseitigen Handfläche mit starken Abwehrbewegungen beim Einsetzen der Schmerzen, eingeschränkte Daumenoppositionsfähigkeit und -beweglichkeit, reduzierte Kraft in der betroffenen Hand  – sowohl global, als auch bei Pinch-Gauge-Messung (durch PT), Angehöriger der Volksgruppe der Samen, Anreiseweg 350km. Alltagsorientiertes Training mit einem adaptierten Messer (Kartoffeln schneiden, gute Performanz), Erstellung eines Heimübungsprogrammes mit Wassergläsern und Wäscheklammen, Anlage einer (Fertig-)Schiene zur Handgelenksstabilisation. Magic Moment: der Patient verabschiedete sich nach der Einheit mit der rechten Hand, zur Begrüßung hatte er die linke verwendet.

Postoperative Schienenneuanlage nach Wunddebridement bei dem 10-jährigen Mädchen von gestern, palmare Lagerungsschiene in annähernder Intrinsic-Plus-Stellung.

Anlage von Handgelenksmanschetten bds. bei dem Patienten mit Guillain-Barre-Syndrom, zur Vermeidung des „Hängenbleibens“ der Hände in der Bettdecke bei Bewegungen der OE, sensorische Stimulation basierend auf PNF, Anlage des zweiten ödemreduzierenden Handschuhs.

Randnotizen

Während des Spaziergangs zum ICA-Supermarkt kann es durchaus passieren, dass man zum Anschieben von Autos verdonnert wird, oder palästinensische Kriegsberichterstatter auf Urlaub trifft, mit denen sich trefflich über die aktuelle Situation in Palästina und Israel sowie das Leben im Gaza-Streifen diskutieren lässt…ob mein Vergleich der grundsätzlichen Problematik, mit der der Kärntner Slowenen wohl passend war (ohne Krieg, Todesopfer und fundamentalistische Indoktrination natürlich…)? Übrigens: hier gibt’s Kaugummis, die beim Kauen das Aroma wechseln


Mittwoch, 30.06.2010

Wenn das so weitergeht, werde ich laut meiner persönlichen Hochrechnung im zwei Wochen um 2.00 Uhr früh meinen Dienst antreten – was prinzipiell ja egal wäre, weil es ohnehin noch hell ist, andererseits aber auch um gewisser Weise problematisch, weil ich da erst mit geröteten Augen ins Bett torkle – mein Dienstbeginn war bis jetzt jeden Tag ein klein wenig früher als am vorigen, morgen geht’s wieder nicht so arg her, weil ich ab 9.00 im OP stehe, und bei einem weiteren Wunddebridement der 10-jährigen Patientin als Zuschauer dabei sein darf…Ist schon fast wie ausschlafen, dafür wird’s halt am nachmittag ab und zu ein bisschen länger…aber egal.

Zeit um Wissen zu akkumulieren…

Das Wasser glitzert wieder wunderbar, trotzdem: die Informationsflut, der ich diese Woche ausgesetzt bin, wird manchmal fast ein bisschen zu umfangreich, und das hat Konsequenzen: künftig kann ich jeden Freitag – sofern keine interessanten Patientinnen und Patienten erscheinen – den ganzen Vormittag lang zu Recherchezwecken die Bibliothek und den umfangreichen Datenbankzugriff der Universität nutzen, um ein kleines bisschen schlauer zu werden, und den Nachmittag darf ich anschließend im genügsamen Selbststudium bei Kaffee und Zigaretten am häuslichen Balkon verbringen. Das wird es mir zumindest ermöglichen, die ganzen Informationen ein bisschen zu strukturieren, und Studien ausfindig zu machen, die hier gebräuchliche Therapieansätze mit Beweisen untermauern. Aus meiner Sicht wird es definitiv nicht möglich sein, auch alles an Wissen tatsächlich während des Praktikums zu verarbeiten, ich verbringe jeden Tag fast zwei Stunden damit meine Erfahrungen zu Papier zu bringen niederzuschreiben. Nichtsdestotrotz wird sich einiges an Material ansammeln, und ich muss mir wahrscheinlich in den nächsten Monaten kaum Gedanken um Themen machen, zu denen es sich am handlungs:plan lohnt Beiträge zu verfassen – also stressig, aber gut…

Nochmal kurz zurück zu Active Place-and-Hold“…

Die Nachbehandlung von Strecksehnen könnte fast ein Hobby von mir werden, ich finde das ganze Konzept, das hier zur Anwendung kommt extrem interessant, und um das näher zu beleuchten gibt es meinerseits einige Pläne: Ende dieser, oder Anfang nächster Woche nehme ich einen Podcast mit interdisziplinären Gesprächspartnern (Chirurg, ET,PT) auf, die jene Aspekte des Konzepts die sie betreffen, kurz erläutern werden (OP-Technik, Komplikationen, Infektionsraten, Schienenanfertigung, funktionelle Nachbehandlung, etc.) – das wird naturgemäß in englischer Sprache passieren, alle die sich schon darauf freuen mir beim Stammeln zuzuhören, dürfen gespannt sein.

Zusätzlich habe ich die Anfertigungsschritte einer Place-and-Hold-Schiene heute ausführlich in Bildern festgehalten, bei ausreichend Freizeit (haha…) verfasse ich dazu eine Fertigungsanleitung, ähnlich – aber detaillierter – wie beim Beitrag zur Kleinertschiene. Zusätzlich wurde ich gebeten, das Nachbehandlungsinformationsblatt für Patientinnen und Patienten vom Schwedischen ins Deutsche zu übersetzen – was ich gerne tun werde, denn das ermöglicht es mir, dieses Dokument anschließend auch zum Download bereitzustellen.

Und abschließend habe ich vor, mich durch die wissenschftliche Literatur zum Behandlungskonzept – sofern welche vorhanden ist, wovon ich ausgehe, bisher habe ich eine Studie gefunden – zu wühlen, und dann alles zusammen, d.h. Hintergrund, Podcast, Fertigungsanleitung und Nachbehandlungsmerkblatt in einen schönen dicken Artikel zu packen und online zu stellen…Mehrwert zum Nulltarif sozusagen. Wann das der Fall sein wird, weis ich zwar noch nicht genau, aber allerallerspätestens im September gibt es das Ding dann zu Hören und zu Lesen – ich freu‘ mich schon drauf.

Gemeindebasierte Ergotherapie

Dank Helena (die drei Jahre lang in diesem Bereich tätig war) kann ich noch ein paar Informationen über Ergotherapie auf Gemeindeebene loswerden, die Therapeutinnen und Therapeuten, die in diesem Bereich arbeiten, dürften ihre österreiche Entsprechung am ehesten in freiberuflichen Ergotherapeutinnen und Egotherapeuten, mit oder ohne  Kassenvertrag, finden.

Prinzipiell ist diese Therapieform für jedermann/jederfrau ohne ärztliche Zuweisung zugänglich – d.h. die Patientinnen und Patienten ersparen sich die gesamte Lauferei von A nach B, dann nach C und schließlich zu D. Diskussionen über Übernahme der Therapiekosten finden nicht statt, jeder Besuch bei Professionistinnen und Professionisten im Gesundheitswesen kostet 100 SEK (was ca. 10 € entspricht), der Deckelungsbetrag für ein Jahr liegt bei 1.400 SEK – danach ist alles weitere sozusagen gratis. Die Selbstbehalte für Hilfsmittel sind von Landsting zu Landsting (Bundesland) verschieden, in Västerbotten müssen Patientinnen und Patienten für Hilfsmittel (Schienen usw.) nichts bezahlen – sehr schön. Und der Verdienst liegt noch etwas höher, als im institutionellen Bereich, seufz – schön wenn aufwendige Arbeit entsprechend entlohnt wird.

Besprechung

Aber interessant (um es mit Wolf Haas zu sagen): heute konnte ich einer interdisziplinären Besprechung beiwohnen, die mit Patientinnen und Patienten abgehalten wurde. Ähhh, Moment, mit Patientinnen und Patienten? Da stimmt was nicht! Tatsächlich ist es so, dass entweder beliebige Mitglieder des interdisziplinären Teams, oder auch Patientinnen und Patienten – die einer breitere Auskunftsbasis bedürfen, oder eine zweite  (oder dritte oder vierte) Meinung zu ihrem Problem hören wollen, ein Behandlungsproblem in einer – dreimal wöchentlich stattfindenden – Besprechung vorstellen können. Dann sitzen vier Ärztinnen und Ärzte, sowie Angehörige des Therapieteams mit den betreffenden Patientinnen und Patienten einträchtig in einem Raum, und das Problem wird von allen Seiten beleuchtet – jede Profession bringt sich ihrem Bereich entsprechend ein. Häh? Sehr cool, das Ding – auch hier fällt wieder der eklatante Mangel an Zeitdruck bei allen Beteiligten auf, alles kann wirklich ausführlich, und in Ruhe besprochen werden. Spannend, mir fallen da jetzt spontan Aufklärungsgespräche bei schwerwiegenden Krankheitsbildern im Vorbeigehen, zwischen Tür und Angel, ein…Reminiszenzen an meine Zeit als Angehöriger pflegender Berufe.

Hej, „Call Me“

Eine Sache, die mir gleichzeitig aufgefallen und doch nicht aufgefallen ist, ist jene, dass das Telefon während der Therapiezeiten praktisch nie klingelt…wundersam, irgendwie. Der Grund dafür, ist ein ausgefeiltes System namens „Call Me“. Prinzipiell stehen die ET’s der Klinik Patientinnen und Patienten, die weiter entfernt leben – also praktisch alle – telefonisch für Beratungen und Auskünfte zu Verfügung. Um zu verhindern, dass alle paar Minuten das Telefon bimmelt, können Auskunftsbedürftige eine Nummer wählen, unter der sie – vollautomatisiert – einen Termin für ein Gespräch mit einem Teammitglied ihrer Wahl vereinbaren können. Die Anfrage erscheint dann, inklusive der gewünschten Zeit, in einem Stück Software, und die betreffende Person ruft zurück – herrlich, praktisch keine Wartezeiten, keine ungeplante Unterbrechung des Arbeitsflusses und ein hohes Maß an Selbstbestimmung für Patientinnen und Patienten – ich bin begeistert!

Die Patientinnen und Patienten des Tages

Wieder mal kurz zusammengefasst:

Patient mit operativ versorgter, traumatischer Beugesehnenverletzung der Finger III & IV, Zone 1, linke Hand bei Rechtshändigkeit, 1. postoperativer Tag. Helena hat sozusagen den iSplinttm angefertigt (eine Active-Place-and-Hold-Schiene in wirklich wundervoller Ausführungsqualität), und das Ganze in weniger als einer Stunde. Ewig schade, dass sie keine dunkelblauen Velcro-Bänder haben, damit wäre die Schiene wirklich perfekt gewesen…Aufklärung über die Nachbehandlung, Übungsanleitung zur Ödemreduktion und tschüss – der erste Verbandswechsel findet hier übrigens zusammen mit der Entfernung der Nähte (also am 14. postoperativen Tag) statt, wenn keine Komplikationen auftreten…

Patient mit Knopflochdeformität an Dig. II rechts bei bestehender Rechtshändigkeit und St. p. Strecksehnenverletzung. Anlage einer Fingerschiene zur forcierten Extension im PIP-Gelenk – das ging so schnell, dass ich alles nur am Rande mitbekommen habe, Agneta ist ziemlich fix beim Schneiden und Anformen…

Patient mit St. p. traumatischer Ulnafraktur im Bereich des re. Ellbogens und traumatischer Fraktur im Bereich des re. Handgelenks, St. p. Mehrfach-OP, Bewegungseinschränkungen in Ellbogen-, Radioulnar- und allen Langfingergelenken (FKHA: 1/1/1/3) sowie in allen Bewegungsrichtungen im HG, Daumenopposition zu IV erschwert und zu V nicht möglich, Rechtshänder. Alltagsrelevante Übungen mit Krafteinsatz der betroffenen Hand (Geschirr tragen, Tisch abwischen, Flüssigkeiten einschenken), funktionelle Übungen mit Bällen, Mobilisation  des Ellbogengelenks aktiv und passiv nach PNF, Narbenmassage (in einer Therapiepause, was sollte ich sonst tun?), Verhaltensinstruktionen – Wiedervorstellung morgen…

Patient mit St. p. traumatischer Amputation der Finger II-IV rechts und Replantation des Zeige- anstelle des Mittelfingers vor ca. 1 1/2 Monaten, bei bestehender Rechtshändigkeit. Anlage einer palmaren Schiene zum Schutz des replantierten Fingers bei Aktivitäten die Kraft erfordern, Verhaltensinstruktionen – und fertig. Der junge Mann war ziemlich cocky, aber gleichzeitig auch sehr sympathisch.

Randnotizen

Türschlösser öffnen sich bei Schlüsseldrehung in die „andere“ Richtung, Wäschetrockner sind so groß wie Kleiderschränke, die Waschmaschinen haben Industrieniveau und im Supermarkt gibt es Bier, das unmöglich betrunken machen kann…beim nächsten Einkauf ist übrigens das Foto-Feature „Die Lebensmittelverpackungen mit dem besten Design“ geplant – da gibt’s Dinge, die Apple vor Neid erblassen lassen würde…Kaffee von Löfbergs Lila, zum Beispiel…und über die Nachbehandlung von Operationen bei Dupuytren’scher Kontraktur sollte ich auch nochmal etwas schreiben…das läuft hier nämlich auch gaaaanz anders…und das lesbische Pärchen mit Kind, das am Nachmittag noch kurz vorbeigeschaut hat, war auch durchaus sehenswert – alleine der Tatoos und Piercings wegen…alle Schienenbilder gibt es in der Galerie am Artikelende…und an der den Fehlern bei der Titelanzeige der Bilder in der Galerie ist das Plugin schuld – und nicht der Autor!


Donnerstag, 01.07.2010

Heute wird’s eher bilderarm, der Tag bestand hauptsächlich – da der operative Eingriff früher stattfand – aus Gesprächen und Diskussionen über Befunderhebungsinstrumente, COPM, CMOP, Zielformulierungen, klientenzentrierte Ergotherapieansätze und statistische Datenauswertung, auch mit der Physiotherapeutin. Langweilig war mir trotzdem nicht, ein bisschen Patientenkontakt gab es auch (Schande über mich, ich kann noch immer nicht auf Schwedisch bis zehn zählen!) – und eigentlich ist ein Tag, der ein bisschen entspannter verläuft, auch nicht wirklich schlecht…und morgen stehe ich ohnehin (hoffentlich) den halben Vormittag im OP, und sehe mir die OP-Technik für Active-Place-and-Hold mal näher an…

COPM

Zur klientenzentrierten Zielformulierung kommt das Canadian Occupational Performance Measure (COPM) zur Anwendung, das 1991 erstmals veröffentlicht wurde. Es handelt sich um eine standardisierte Vorgehensweise, die Patientinnen und Patienten dabei unterstützt ihre Fähigkeiten in verschiedenen Lebensbereichen bzw. Ebenen einzuschätzen, Ziele zu formulieren und diese Ziele zu priorisieren – und stellt somit das Grundkonzept für eine klientenzentrierte Therapieplanung dar. Patientinnen und Patienten bewerten bei Therapiebeginn ihre priorisierten Ziele in den Bereichen „Ausführungsqualität“ und „Zufriedenheit mit der Ausführung“ auf einer Skala von eins bis zehn, nach einem vereinbarten Zeitintervall werden diese Ziele nach obigen Kriterien erneut bewertet – und geben somit Aufschluss über den Erfolg der Therapie. Ganz grob gesagt, jedenfalls. Einschränkungen hat das COPM sicherlich bei Patientinnen und Patienten, die an strukturellen Schäden des Gehirns leiden (z.B. Frontalhirnsyndrom, Aphasie, Demenz, …), da diese nicht immer in der Lage sind, Ziele adäquat zu formulieren.

Ich bin der Meinung, dass dieses Instrument per se sehr gut geeignet ist, um den Therapieprozess einzuleiten – dazu ist nämlich ein ausführliches Gespräch notwendig, das eine gute Basis für die therapeutische Beziehung darstellen kann – und Patientinnen und Patienten zusätzlich dazu „zwingt“, sich mit ihrer Problematik auseinanderzusetzen und persönliche Ziele zu formulieren, an denen in Folge zusammen mit Ergotherapeutinnen oder Ergotherapeuten gearbeitet wird. Auch aus der Therapieperspektive ergibt dies Sinn, da Aktivitäten und Übungen für Patientinnen und Patienten ein höheres Maß an Bedeutung erhalten, wenn sie auf die individuellen Ziele abgestimmt sind – und somit wahrscheinlich zu einer erhöhten Motivation für die Therapie an sich führen. Wer noch ein bisschen mehr lesen will kann sich eine (kurze) Powerpoint-Präsentation zum Thema COPM ansehen bzw. herunterladen…

Zielformulierung und ihre Problemchen

Betreffend der Problematik einer adäquaten Zielformulierung haben sich eine Menge Leute eine Menge Gedanken gemacht – im Jahr 2009 fand eine Konferenz zum Thema „Areas of consensus and controversy about goal setting in rehabilitation“ statt, und dazu gibt es einen Fachartikel – der 2009 in der Zeitschrift Clinical Rehabilitation erschienen ist – lest bei Interesse das Abstract zum Thema „Zielsetzung“. Der Artikel selbst ist sehr neu – und deshalb für Interessierte die keinen Zugang zu universitären Ressourcen haben relativ teuer, wer Geldeinheiten übrig hat kann ihn bei SAGE Publications käuflich erwerben.

Prinzipiell sollten Therapieziele – um eine Evaluationsfähigkeit sicherzustellen – den SMARTen Kriterien entsprechen:

  • S – specific
  • M– measurable
  • A – achievable/ambitious (da gibt es verschiedene Deutungen…)
  • R – relevant
  • T – time-limited

Bei der Formulierung der Ziele durch Patientinnen und Patienten kann es natürlich zu dem Problem kommen, dass – aus Sicht des therapeutischen Teams – Ziele nicht „achievable“ also erreichbar, sondern „ambitious“ also ambitioniert – und damit möglicherweise nicht erreichbar – sind. Ein Teil des Artikels widmet sich ausführlich dem Terminus „erreichbar“ und dem Verständnis desselben, die Autorinnen und Autoren kommen jedoch zu dem Schluss, das im Endeffekt zuviel Zeit darauf verwendet wird darüber nachzudenken, ob Ziele für auch tatsächlich erreichbar sind. Sie kommen zu der Schlussfolgerung, dass erreichbare Ziele dazu beitragen können in gewissen Bereichen ein hohes Maß an Fertigkeit zu entwickeln, sie jedoch nicht notwendigerweise „sicher erreichbar“ sein müssen (obwohl eine „mögliche Zielerreichung“ vorteilhaft wäre).

Zusätzlich wird die Problematik der „Unformulierung“ der genannten Ziele durch Therapeutinnen und Therapeuten angesprochen, die meist dazu dient Ziele „erreichbar“ zu machen – und das wiederum steht im Gegensatz zu dem klientenzentrierten Behandlungsansatz (der ja überall praktiziert wird, oder?), und kann Patientinnen und Patienten das Gefühl geben, deren Wünsche nicht ernstzunehmen sondern ihre Hoffnungen zu zerstören. Mögliche Strategien, damit völlig unrealistische Ziele von Patientinnen und Patienten auch als solche erkannt werden – und zwar von ihnen selbst – bestehen z.B. in der Formulierung von Subzielen, die zur Erreichung des „unrealistischen“ Zieles notwendig sind – aber von Patientinnen und Patienten nicht erreicht werden können (Stichwort: Aktivitätsanalyse). Auf diese Art und Weise kann sich ein völlig anderer Coping-Prozess vollziehen, als wenn Ziele von vornherein als völlig unrealistisch abgetan werden – auch hier sind Patientinnen und Patienten wiederum gezwungen, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen.

Ich finde dies alles höchst spannend, ich habe in meiner praktischen Ausbildung Zielformulierungen auf diese Weise nirgends erlebt (obwohl ich natürlich auch nicht alles gesehen habe, was Ergotherapie in Österreich zu bieten hat), meine Palette reicht von „keinerlei Zielformulierung“ über „Zielformulierung durch Therapeutinnen und Therapeuten“ bis hin zu „Einfügen der, immer identischen, Behandlungsziele per Copy & Paste“. Hmmm, irgendwas läuft da falsch…und das hat sicherlich auch mit dem Zeitdruck, unter dem die betreffenden Personen in ihrer Tätigkeit stehen, zu tun. Trotzdem – hier wäre eine generell andere Kultur kein Schaden…

Eigenverantwortlichkeit von Patientinnen und Patienten während der Behandlung

Ein Aspekt ergotherapeutischer Behandlung – der mir anfangs etwas seltsam vorkam, aber mittlerweile an Sinnhaftigkeit gewonnen hat – ist jener der langen Pausen zwischen den eigentlichen Therapieeinheiten (ich spreche jetzt aber nur von der orthopädischen Ergotherapie). Patientinnen und Patienten sehen „ihre“ Therapeutinnen und Therapeuten oft nur alle zwei Wochen, und nicht selten finden während der Therapieeinheiten mehr Gespräche, als z.B. funktionelle Übungen statt. Stattdessen erhalten Patientinnen und Patienten sehr ausführliche Verhaltensinstruktionen zur „Selbstbeübung“  – die sie dann teilweise noch in der Einheit praktizieren und bis zum nächsten Termin (hoffentlich) umsetzen.

Mir persönlich gefällt dieser Gedanke, das passt gut zur Zielformulierung nach COPM, würde in Österreich zumindest eine zeitlich längere Therapiedauer ermöglichen, sorgt für erhöhte Motivation zur Mitarbeit und macht Patientinnen und Patienten in wesentlichem Maße zu den Verantwortlichen ihres rehabilitativen Erfolges. Offensichtlich ist diese Herangehensweise nicht für alle Krankheitsbilder geeignet – aber fallweise könnte dies einen vielversprechenden Ansatz darstellen…

Die Patienten des Tages

Noch kürzer als sonst…

Pat. mit St. p. Reanimation nach Drogenintoxikation und konsekutiver hypoxischer Hirnschädigung, sehr hoher Flexorentonus in den OE, re>li, v.a. in HG und Ellbogen. Botox-Behandlung zur Tonusregulation und Kontrakturprophylaxe (M. biceps bds., M. pectoralis bds., M. brachialis bds., M. brachioradialis re., M. flexor carpi radialis re.). Das wurde allerdings nicht von Seiten der Ergotherapie, sondern durch eine Ärztin durchgeführt, ich war trotzdem dabei, Wirkungseintritt nach 1-3d, Wirkdauer bis zu 3 Monate, ich bin gespannt…

Schienenanpassung für’s Wochenende bei der 10-jährigen Patientin – nächste Woche lerne ich auf Schwedisch bis 20 zu zählen (Oh Gott…)

Evaluation der Therapieziele mit dem Pat. mit der zweifachen Armfraktur von gestern, Pat. beurteilte sich in der Ausführung besser, war jedoch unzufriedener (hohe Ambitionen, s. weiter oben…). Zusätzlich funktionelles Training (Ball- und Klatschspiele in verschiedenem Tempo), Heben und Tragen von Lasten, Ausräumen von Schränken, Einschenken von Flüssigkeiten.

Und ganz zackig gab’s noch die Anlage einer Handgelenksschiene bei dem Patienten mit Guillain-Barre-Syndrom, diesmal in passender Größe.

Randnotizen

…ich gehe jeden Tag mindestens zweimal zu Fuß in den 6. Stock, als Ersatz für das – aufgrund akuter Zehennagellosigkeit – nicht mögliche Laufprogramm…Falafelpizza ist preiswert und gut (wenn auch höchstwahrscheinlich nicht typisch schwedisch)…das Wetter läst sich meinerseits hier überhaupt nicht vorhersagen, Regen und Sonne wechseln sich munter – und völlig plan- und konzeptlos – ab…beim allzuhäufigen Konsum von Matjessill gibt‘ sicher Probleme mit dem Bludruck (ahhhhhh, Salz, Salz, Salz)…Preiselbeeren kann man zu fast allem essen (Käse- und Wurstbrote, Fisch, Müsli, Joghurt) ohne dass einem davon schlecht wird…und Sicko ist wirklich, wirklich, wirklich ein sehr krasser Film…


Freitag, 02.07.2010

Jazzmusik tröpfelt langsam und blechern über den Live-Stream von Ö1 aus den Lautsprechern meines Laptops, draußen mäht jemand den Rasen, die Sonne scheint, und der Kaffee dampft…und ich ersticke nach dem heutigen Tag förmlich in wissenschaftlicher Literatur. Nicht dass ich jetzt vorhätte das alles heute Nachmittag zu lesen, es handelt sich um fast 15 – teilweise recht lange – Artikel. Aber es ist ein schönes Gefühl um diese Zeit schon zuhause zu sein, und sich am Nachmittag zwar mit fachlichen Dingen beschäftigen zu müssen (da dräut noch eine Falldarstellung am Arbeitshorizont), aber keinerlei Zeitdruck dabei zu haben. Ich habe diese Nacht jedenfalls extrem schlecht geschlafen und bin dementsprechend müde – erstaunlich wie die Sonne hier bereits um 4.00 Uhr früh vom Himmel strahlt – aber drei oder vier Stündchen werden es wohl gewesen sein. Ich habe jedenfalls immer noch Schwierigkeiten damit bei Tageslicht ins Bett zu gehen – das Schlafdefizit wird immer größer, konsolidierende Maßnahmen müssen sicherlich in absehbarer Zeit getroffen werden…

Literaturrecherche

Den Großteil des Tages habe ich nuckelnd an der universitären Literaturressourcenbrust verbracht, es hat definitv Vorteile bei der Informationsbeschaffung auf diese Infrastruktur zugreifen zu können – wenn ich alle Artikel hätte bezahlen müssen, hätten ca. 500 Geldeinheiten mein Konto verlassen – und hier ist alles mit zwei Mausklicks erledigt…und mit ein paar weiteren landet das Zeug in meiner E-Mail-Inbox.

Für zwei der Themen, die mich zurzeit am brennendsten interessieren, war es trotz aller Ressourcen nicht möglich die aktuellsten Dokumente zu bekommen – Artikel aus dem Jahr 2010 sind leider noch nicht frei zugänglich. Trotzdem war es ein äußerst produktiver Vormittag, ich habe mich unter anderem über folgende Themen schlau gemacht:

  • Nachbehandlung von Beugesehnenverletzungen der Hände – OP-Technik, Nachbehandlungsarten, Rehabilitation, aktive Frühmobilisation (6 Artikel)
  • Postoperative Nachbehandlung des Morbus Dupyutren – Schienenversorgung ja/nein, Rehabilitation (1 Artikel)
  • Disability Arm Shoulder Hand Questionnaire – Durchführungs- und Auswertungsanleitungen, verschiedene Versionen, Entwicklungsgeschichte, Probleme bei verkürzten Versionen (5 Artikel)
  • Effektivität von Hochlagerungsmaßnahmen nach handchirurgischen Eingriffen – bringt fast nix… (1 Artikel)

Damit hatte sich der Arbeitstag prinzipiell auch schon erschöpft – aber danach brummte der Kopf ohnehin ganz ordentlich. Jedenfalls gibt’s zitierfähiges Material für künftige Artikel, eine Tatsache auf die ich persönlich recht viel Wert lege.

Unterscheidung Patient-Klient

Ein recht interessantes Gespräch ergab sich bzgl. der Terminologie in Zusammenhang mit dem Begriff „klientenzentrierte Ergotherapie“. Bezugnehmend auf die Problematik der Zielformulierung bei Patientinnen und Patienten, die aufgrund diverser Ursachen bzw. Krankheitbilder keine Ziele formulieren können, wird die Rolle des Klienten sozusagen von jener des Patienten losgelöst, und an eine oder mehrere Personen aus dem Lebensumfeld übertragen. Die Formulierung der Ziele für Patientinnen und Patienten erfolgt dann in der üblichen Art und Weise mit den Klientinnen und Klienten. Dies lässt sich recht einprägsam im Fachbereich Pädiatrie illustrieren: So kann das Kind Patient sein, aber Klienten sind möglicherweise, zusätzlich zum Kind selbst, die Eltern, Lehrer und Betreuungspersonen – auch die Zielformulierung erfolgt dann sozusagen in der „Gruppe“. Die Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sind hier scheinbar sehr stark auf das Erkennen und Berücksichtigen dieser verschiedenen Rollen geschult – m.E. nach ergibt dies Sinn, und ermöglicht zusätzlich in jedem Fall eine adäquate Evaluierung der Therapieziele. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich das alles in mein persönliches Arbeitsleben übertragen werden lässt – es ist jedenfalls sehr aufregend, diese Informationen im Hinterkopf zu haben…

Randnotizen

Entgegen anderlautender Empfehlungen, herrscht hier samstags die „Blogpausetm, trotzdem wird selbstverständlich ein entspannendes Wochenendprogramm zum Zeitvertreib geboten – und zwar ca. ab 14.00 nachmittags (was auch in etwa dem Zeitpunkt meines Erwachens entsprechen dürfte), schaut doch vorbei und macht euch schlau, was geboten wird…die Bildergalerie wird ebenfalls morgen Nachmittag um das Feature „Lebensmittelverpackungen in schwedischen Supermärkten“ erweitert – da wird’s dann auch ordentlich bunt…ich werde morgen jedenfalls einmal Umea’s Downtown einen Besuch abstatten und möglicherweise ein indisches Resaurant auf orale Art und Weise explorieren…


Samstag, 03.07.2010 – Die Blogpausetm

Für die Augen

Zur allgemeinen Entspannung empfehle ich, folgendes Video zu genießen, aufgenommen im Aquarium von Okinawa, dass den weltweit zweitgrößten Aquariumsbereich anzubieten hat – viel Spaß, es ist wirklich beeindruckend – am besten im Vollbildmodus…

Für die Ohren

Vom Thema ein bisschen schwerer verdaulich, aber nichtsdestotrotz sehr interessant (und obendrein in hervorragender Audioqualität und Gesprächsführung) ist der Podcast der Elementarfragen zum Thema „Tschernobyl“. Ein knapp zweistündiges Interview mir Dr. Sebastian Pflugbeil – einem (ost-)deutschen Physiker, der als einer der wenigen Menschen den chernobyl’schen Sarkophag von innen gesehen hat – wird geboten, Einblicke in die Arbeitsweise der Atomlobby, mögliche Atomwaffenforschung in Deutschland, Zusammenhänge mit Krankheitshäufigkeiten und Impressionen vom Fall der Berliner Mauer inklusive. Ein bisschen bedrückend, aber hochinformativ – für jene, die nicht ständig den Fußballern zusehen wollen…


Sonntag, 04.07.2010

Tja, es lassen sich wahrhaft interessante Einsichten gewinnen – bei langen Spaziergängen. Irgendwie ist es hier so ähnlich wie am Meer, ständig geht der Wind, es ist meistens recht warm, in der Fußgängerzone tummeln sich entspannt (wirkende) Leute und alles fühlt sich irgendwie nach grün an…aber scheinbar sind die Unterschiede zu Österreich – zumindest im Sommer – doch nicht so groß. Scheinbar „clubben“ die Schweden hier recht gerne, die kostenlose City-Zeitung vom Umea ist jedenfalls voll von Inseraten für Tanzveranstaltungen dieser Art. Mein Gott, bin ich alt…wer einen Blick wagen möchte, kann sich das City Nöjesmagasinet auch als PDF in zwei Teilen (Teil 1, Teil 2) herunterladen und durchblättern…

GTI-Treffen auf Schwedisch

Ganz so schlimm ist es nicht, aber zurzeit findet (bzw. fand) gerade die Motorwoche in Umea statt – was eigentlich nur bedeutete, dass noch mehr Menschen als sonst am Samstag in der Stadt unterwegs waren, und dass alle 30 Sekunden ein amerikanischer Straßenkreuzer an einem vorbeiglitt. Durchaus ansehnlich, die Dinger, obwohl ich ja nicht unbedingt ein Autofetischist bin – von ganz alt bis ganz neu war eigentlich alles vorhanden. Ein bisschen leiser als die Veranstaltung am Wörthersee war das Ganze allerdings schon, daran lässt sich aber meinerseits nicht Schlechtes finden.

Fehlt nur noch Hannes Jagerhofer

Das wär es aber wirklich noch – alle Beachvolleyfans, denen der FIVB Grand Slam in Klagenfurt nicht reicht, seien hiermit herzlich nach Umea eingeladen…Anfang August gastiert hier nämlich die schwedische Beachvolleyball-Meisterschaft, und sooo teuer sind die Flüge nun wirklich nicht…

Kulinarik?

Hmm, ja, ähem…den Inder hab‘ ich besucht – sehr positiv ist das Fläschchen Bier mit 660ml Inhalt aufgefallen, auch der Service war flott und zuvorkommend…und das Essen war auch irgendwie okeh. Aber indisch gekocht habe ich mit Freunden schon besser, und preislich war’s nicht gerade freundlich. Gut, dass ich mein Kingfisher bereits bestellt hatte, als ich die Karte bekam, sonst hätte ich mir das sicherlich nochmal überlegt – knapp 10 „echte“ Geldeinheiten für ein Fläschen Importbier – schluck! Die alkoholische Getränkepreise sind aber in der Gastronomie ohnehin nicht gerade niedrig, ein Gläschen Wein für wohlfeile 6,50 €, normales Bier für ca 5,50 € – das dürfte die Rate der Alkoholkranken nach unten drücken…nix verpasst jedenfalls, das nächste Mal koche ich wieder selbst…

Und nächste Woche…

…geht’s mit meinen Active-Place-and-Hold-Plänen weiter, Podcastaufnahme ist angesagt…und ansonsten harre ich der Dinge, die da kommen mögen! Bilder mit weiteren Eindrücken von Umea-City findet ihr in der Bildergalerie…


Es gibt was auf die Augen…