Hinweis zur Handhabung: der aktuelle Tag findet sich im Artikel immer an erster Stelle – Späterleser müssen leider nach unten scrollen…


08.08.2010

Hej! Tatsächlich, man fühlt sich wieder wie mit 16 Lenzen – und das ist angesichts meines fortgeschrittenen Alters mehr als erstaunlich – wenn man im Sommerregen 10km auf einer Landstraße entlangradelt…mit Musikbegleitung von Johnny Cash (den kannte ich in dem Alter zwar noch nicht, das macht aber nichts, heute war’s trotzdem nett). Eigentlich sollte ich jetzt den Artikel bezüglich meiner Eindrücke von den Pflegeheimen verfassen, aber das ist hiermit nochmal um einen oder zwei Tage aufgeschoben, es gibt Wichtigeres Spannenderes Lustigeres zu berichten, außerdem ist das Wochenende noch nicht vorbei, und für Berufliches ist morgen noch immer genug Zeit.

Metamorphosen

Ade, du Schwarzer Teufel, ich musste mich von dir trennen, nein, mach dir keine Sorgen, es hatte nichts mit deinem störrischen Charakter (ich mag Charakter) oder deinem, von Tag zu Tag unterschiedlichem, völlig unvorhersehbaren Verhalten zu tun, aber du weißt, es gibt Angebote, zu denen kann man einfach nicht wirklich „Nein“ sagen, vor allem nicht wenn ein so hoher Gewinn an Fahrkomfort in Aussicht steht. Ich hoffe deinen schwarze Seele verkraftet den, dir nun drohenden, voraussichtlich längerdauernden, Aufenthalt im Fahrradkeller deiner ursprünglichen Besitzerin, und ich wünsche dir von Herzen, dass dir die Spinnen, Motten, Milben und sonstigen dort wohnhaften Kleintiere nicht zu sehr zusetzen, aber sie ist einfach so schön, ihr weicher Kunstledersattel schmiegt sich anatomisch korrekt an mein Gesäß, ihre Gangschaltung funktioniert, und sie versucht nicht, mich beim Bergauffahren selbständig einzubremsen. Und ihre schönen, breiten Reifen…und…du verstehst, sie hat ein Licht, das funktioniert…ich hoffe du verzeihst mir, dass ich dich gegen die Blaue Prinzessin eingetauscht habe, sei trotzdem dankbar, immerhin bist du mit mir nochmals an die frische Luft gekommen…

Surströmming oder der Fisch fängt am Kopf zu stinken an…

…das gilt nicht nur für manche Teams im Bereich der Krankenpflege, sondern im Großen und Ganzen auch für kohlenstoffbasierte Lebensformen, die ihr Habitat in Gewässern finden. Probleme bei dieser Aussage gibt es nur, wenn der Fisch gar keinen Kopf mehr hat, und als Ganzes stinkt – Surströmming halt. Eines vorweg, bevor es richtig losgeht: ich lebe noch, es war irgendwie lecker und das ganze Ritual, das mit dem Verzehr von Surströmming einhergeht, hat mir sehr gut gefallen, definitiv exportwürdig. In meinem Koffer habe ich schon Platz für mindestens zwei Dosen vergammelten Herings eingeplant, und außerdem habe ich ein hervorragende Methode entwickelt, den surströmming’schen Geruch für den Heimgebrauch zu simulieren. Geruch ist hier übrigens nicht gleich Geschmack, tatsächlich waren die Brote irgendwie lecker – wobei ich glaube, das man ihn öfter als einmal essen muss, um sich eine wirklich fundierte Meinung zu bilden. Und übrigens gibt es ihn praktisch nur im Norden von Schweden, und ein neutraler Standpunkt ihm gegenüber ist nicht möglich, entweder man mag ihn, oder man hasst ihn…

Die – aufgrund der Gärungsgase des Fisches ausgebeulten, und dadurch sehr gefährlich aussehenden – Dosen in denen sich der saure Ostseehering aufhält, werden vorzugsweise unter Wasser geöffnet – einerseits um den Geruch nicht ungehindert in die Umgebung entweichen zu lassen (geöffnet und genossen wird er übrigens im Freien, und zwar mindestens 50 Meter von Haus entfernt, zum Schmause kann man sich dann wieder ein bisschen näher ans Haus wagen) und andererseits um eine unfreiwillige Dusche der näheren Umgebung durch die surströmming’sche Marinade zu verhindern – davon wäre wahrlich niemand begeistert. Nach dem Abgießen der Flüssigkeit liegen sie dann in der Dose…kopflos und verrottet…und warten auf ihren Verzehr durch die hungrigen Münder von Schwedinnen und Schweden (und eventuell zufälligerweise anwesender, österreichischer Gäste). Die Dosen durfte musste übrigens ich öffnen, sozusagen mein Initiationsritual und die Eintrittskarte zur Party – aber es war nicht so schlimm, wie befürchtet…

Das Filetieren gestaltet sich als nicht ganz einfach, schließlich will man mit dem Fisch nicht unbedingt in Berührung kommen (außer mit dem Gaumen vielleicht) – zuerst wird er bäuchlings aufgeschnitten und ausgeweidet, in seinem Bauch befindet sich nämlich komisches, krümeliges, braunes Zeug, von dem ich mir nicht sicher bin, ob man es wirklich essen kann. Anschließend werden die Filets, beginnend am Schwanz (der ist nämlich im Gegensatz zum Kopf noch vorhanden) von den Gräten gelöst, und zum Schluss wird das Fleisch von der Haut des Fisches abgekratzt. Es bleibt nicht viel Essbares übrig, kleine, bräunlich-rot gefärbte Fischstückchen, hauptsächlich – und diese werden anschließend in sehr spezieller Art & Weise verzehrt.

Ein weiters, unentbehrliches, Requisit ist hart gebackenes Tunnbröd – dieses wird mit einer Schicht zerstampfter Kartoffeln bestrichen, und auf diesem seidig weichen Bett findet der Hering (oder besser gesagt, seine kleinen Stücke) seine letzte vorletzte Ruhestätte. Wenn das Kartoffelbett mit Hering gesprenkelt ist, gesellen sich noch kleingeschnittene Zwiebeln, Sauerrahm und Tomatenscheiben hinzu, eine zweite Scheibe Tunnbröd senkt sich von oben auf die gesamte Menagerie herab, und man kann zum Verzehr übergehen. Der Geschmack ist gut, sehr salzig, ähnlich wie Sardellen, und völlig verschieden vom Geruch – den er übrigens, in abgeschwächter Form, auch noch aus dem Brötchen heraus verströmt (vielleicht heißt er deshalb Surströmming…). Dazu werden schwedische Trinklieder gesungen und zahlreiche Gläser „Snaps“ getrunken – sehr nett, das alles im Freien, mit Blick aufs Meer, und in großer Runde, wir waren ca. zu zehnt, ich habe allerdings nicht genau nachgezählt…

Um den Geruch zuhause adäquat zu reproduzieren braucht man nicht viel, folgendes Vorgehen verspricht eine sehr gute Annäherung an die Realität (Junggesellen sind bei dieser Methodik leicht im Vorteil):

  • Kocht doch mal wieder was Leckeres, wie wär’s z.B. mit beliebigen italienischen Nudeln mit einer nicht zu aromatischen Sauce (vielleicht Carbonara?) – die Sauce sollte in jedem Fall einen Gutteil Sahne oder Sauerrahm enthalten, Tomaten sind leider verboten…
  • Genießt euer Essen ohne Reue und ohne Gedanken an allzu große Reinlichkeit beim Abwasch, den Topf, in dem ihr die Sauce zubereitet habt, dürft ihr nämlich nicht abwaschen, alles andere hingegen schon.
  • In den Topf (der idealweise noch einen Bodensatz an Sauce enthält, ein halber Zentimeter hoch dürfte völlig ausreichend sein) gebt ihr nun ca. einen Zentimeter hoch lauwarmes Wasser, anschließend stellt ihr den Topf (mit einem Deckel drauf natürlich) einfach an eine warme Stelle, z.B. in die Nähe der Heizung oder ans Fenster, und schenkt ihm weiters keine nähere Betrachtung mehr.
  • Abhängig von der herrschenden Jahreszeit – im Winter könnte es ein bisschen länger dauern – fängt das Saucenrest-Wasser-Gemisch nach ungefähr zwei Tagen an zu verfaulen – und das sollte auch ungefähr der Zeitpunkt sein, an dem ihr den Topf auf den Esstisch stellt, euch in Position begebt (Nase über dem Topf), die Augen schließt, an Fisch denkt und anschließend den Deckel abhebt um tief einzuatmen…ich denke, dann bekommt ihr einen sehr guten Eindruck davon, welchen Geruch der Surströmming beim Öffnen der Dosen verströmt, und warum man es vorzieht ihn unter Wasser zu öffnen – Viel Spaß beim Ausprobieren!!!

Feiern in Schweden

Sie sind gut im Partymachen, die Schwedinnen und Schweden, glücklicherweise war das unselige Supermarktleichtbier an diesem Abend nicht eingeladen. Alles hat sich im Freien abgespielt, der Abend war wettermäßig sehr schön, langer Sonnenschein, und viel später habe ich dann das erste Mal Sterne (und Planeten, was das betrifft) am Himmel gesehen, es wird nämlich schon ein bisschen dunkler, um diese Jahreszeit. Ich habe versucht, meinem inoffiziellen Auftrag als österreichischer Kulturbotschafter mit der Beisteuerung von Gösser-Bier nachzukommen, zwar definitiv nicht das beste österreichische Bier, aber was soll man machen…

Im Garten gab es eine offenen Feuerstelle mit ausgiebigem Lagerfeuer, der Wald fing praktisch hinter dem Haus an, und der Tisch war riesig und hübsch dekoriert…und gedauert hat die Veranstaltung bis halb vier Uhr morgens, da waren allerdings nur mehr Peter und ich übrig. Unterhalten haben wir uns sprichwörtlich über „Gott und die Welt“, auch der berufliche Hintergrund der Gäste war bunt durchgemischt, vom Installateur bis zur Ergotherapeutin, vom Surströmming-Fan bis zur Verabscheuerin war alles vertreten. Die Fragen, die mir so gestellt wurden, waren auch sehr interessant und bedurften einiges an Überlegung vor der Antwort („How do you like the Surströmming?), vor allem diejenigen nach meiner Motivation überhaupt nach Schweden zu kommen oder die nach dem persönlichen Gewinn, den mir der Aufenthalt meiner Einschätzung nach eingebracht hat. Nebenbei habe ich kräftig die Werbetrommel für Österreichurlaube gerührt, egal ob sommers oder winters, viele der Anwesenden waren geradezu verrückt nach Wintersport (hauptsächlich Schifahren, was das betrifft) und ich hoffe sehr stark, dass nächsten Winter mal Besuch aus Sverige eintrudelt – wäre nett ein bisschen was zurückzugeben…

Sightseeing in Täfteå

Täfteå ist ein relativ kleiner Ort, ca. 10km östlich von Umeå, geschichtlich betrachtet ein altes Fischerdorf, in dem heutzutage allerdings nicht mehr kommerziell gefischt wird. Nach (kurzem) Schlaf und mehreren Tassen schwarzen Kaffees (sogar mit Zucker) haben wir per Rad mehr oder weniger den ganzen Ort abgeklappert – hohe Lebensqualität, würde ich meinen…das Meer (inklusive kleinem Strand) ist ca. fünf Minuten entfernt, ein kleiner pittoresker Hafen ebensoweit (das Fischen im Meer ist übrigens gratis). Außerdem gibt’s einen Supermarkt (yay!) und einen Beachvolleyballplatz, und am Strand findet sich eine schwimmende Sauna, die man mieten kann – zurzeit allerding ohne Ofen, aber vor einem Jahr war das Ding der Renner. Sehr nett, das Ganze, ziemlich abgelegen und trotzdem nahe an Umeå, viel Natur – und Wald und Strand vor der Nase…hätte sie Berge, es wäre eine Versuchung…mehr Bilder zum Aufenthalt in Täfteå gibt es übrigens in der Bildergalerie zur Artikelserie – und zwar gaaanz weit unten!


07.08.2010 – Die Blogpause™

So, heute geht es also los, mit dem Surströmming, ich bin schon sehr gespannt…15km-Radtour inklusive. Zur allgemeinen Unterhaltung am Nachmittag gibt es heute Musik, Film und Bild, viel Spaß!

Für die Augen

Zeitrafferaufnahme im Yosemite Nationalpark in Kalifornien, abgesehen davon, dass alle Kletterer bei diesen Aufnahmen möglicherweise feuchte Hände bekommen, sieht es einfach nur sehr schön aus…

Jill Greenberg schießt sehr schöne Fotos, unter anderem von Babys, Bären, Mädchen und Menschen – aber auch von Affen, wie sich hier unschwer erkennen lässt. Zur Ethik: die Fotos weinender Babys kamen durch den Entzug von Spielzeug zustande, da gab es vor kurzem einmal eine Diskussion im Kommentarbereich einer Webseite – ich überlasse aber allen Leserinnen und Lesern den Prozess der Meinungsbildung selbst. Zusätzlich arbeitet sie als Werbefotografin und hat seit 1997 zahlreiche Preise gewonnen. Ich mag die Affenporträts, irgendwie dürften wir doch miteinander verwandt sein, sehr ausdrucksstark, die Tierchen…die vollständige Galerie gibt es auf ihrer Homepage, gefunden via…

Für die Ohren

Lässt sich trefflich zum Radfahren im Sonnenschein hören – die schöne Band Dear Reader, mehr davon gibt es auf der Homepage der Musikanten


06.08.2010

Einleitung

Die Aufräumarbeiten sind sozusagen erledigt, die neue Festplatte schnurrt und der Rechner sieht wieder so aus, wie gewohnt – und das alles nur in 20 Stunden. Zukünftig sollten solch gravierende Probleme allerdings nicht mehr auftreten, zumindest nicht am Notebook und nicht solange ich diese Festplattenmarke weiterverwende. Und, Wunder über Wunder, geht jetzt alles wieder wunderbar schnell, mit war gar nicht aufgefallen, wie langsam das Ding gegenüber einer frischen Installation schon war. Außerdem war es eine gute Gelegenheit, ein bisschen auszumisten und sich zu fragen, welche Software eigentlich wirklich notwendig ist, um einen produktiven Betrieb zu gewährleisten. So, genug des technischen Gebrabbels, heute reiche ich eine gesundheitssystembezogene Betrachtung nach, morgen steht an dieser Stelle wie gehabt die „wirkliche“ Blogpause™ an, und am Sonntag wird hier ein Artikel über die „Pflegeheimlandschaft“ in Schweden und meine Erfahrungen am zweiten Schnuppertag zu finden sein…auf geht’s!

Fehler im System?

Über die grundsätzliche Beschaffenheit der ergotherapeutischen Versorgung in Schweden habe ich mich bereits in den Wochen eins, zwei und fünf des Praktikums geäußert, zum besseren Verständnis für Lesefaule, sei nochmals erwähnt, dass die Frequenz – mit der Patientinnen und Patienten ihre jeweiligen Therapeutinnen und Therapeuten zu Gesicht bekommen – deutlich geringer ist, als z.B. in Österreich (bei Beugesehnenverletzungen mit komplikationslosem Verlauf, sieht der Patient Angehörige von Therapieberufen in der Regel drei- bis viermal). Prinzipiell funktioniert das, soweit ich das bisher beurteilen konnte, auch sehr gut, ich konnte keine Defizite im funktionellen Outcome und bezogen auf die Wundheilung feststellen.

Für alle Patientinnen und Patienten scheint dies aber definitiv nicht der passende Ansatz zu sein, dies hat zurzeit mindestens zwei Gründe:

  1. den sommerliche Urlaubswahn – meiner Wahrnehmung nach wird das ganze Land im Sommer verrückt, ich weiß nicht, ob es auch Leute gibt, die im Winter ihren Urlaub konsumieren, aber im Sommer ist definitiv jeder im Urlaub, und nicht nur für zwei Wochen, sondern gleich für drei oder vier. Prinzipiell verstehe ich diese Haltung, denn der Winter ist lang und finster – und alle Personen mit denen ich bis jetzt gesprochen habe, habe ihre explizite Liebe zur sommerlichen Jahreszeit ausdrücklich erwähnt, und dies auch auf den Rest der schwedischen Bevölkerung übertragen. So weit, so gut, leider führt dieses Verhalten andererseits dazu, dass sich Patientinnen und Patienten im Sommer mit ständig wechselnden Therapeutinnen und Therapeuten auseinandersetzen müssen, und dass meiner Einschätzung nach eine kontinuierliche Betreuungsqualität nicht immer gegeben ist. Zusätzlich beinhaltet dieser Umstand den Fakt, dass sehr viel Information an sehr viele Personen weitergegeben werden muss, und was das bedeuten kann, wissen wir alle schon, seit wir in der Grundschule mit dem lustigen Spiel „Stille Post“ Bekanntschaft schlossen…
  2. die hohe Spezialisierung beziehungsweise die strikte Trennung der einzelnen Therapieberufe respektive der Aufgabengebiete von Therapeutinnen und Therapeuten. Meinem Eindruck nach, würden z.B. Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten hier nur in Extremsituationen die Tätigkeiten von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten (z.B. extensive passive Gelenksmobilisation, funktionelle Beübung) übernehmen. Zusätzlich (aua, das schmerzt jetzt fast) bin ich mir über den Ausbildungsstand der Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten die in Pflegeheimen beziehungsweise in Einrichtungen wie Hälsocentral tätig sind, nicht so ganz im Klaren. Man kann sagen, was man will, in meinem Ausbildungsjahrgang hat jeder mindestens ein vierwöchiges Praktikum im Fachbereich Orthopädie absolviert und kann zumindest Grundkenntnisse in Mobilisationstechniken aufweisen. Das scheint in Schweden nicht unbedingt zuzutreffen, vor allem da die Praktikumszeit während der Ausbildung deutlich geringer ist als in Österreich (dazu gibt’s in ca. einer Woche einen schönen Podcast). Ich habe eine „Gelenksmobilisation“ außerhalb des Krankenhauses gesehen, aber mehr als „Herumwackeln“ war das meiner Einschätzung nach nicht. Nehmen wir also großzügigerweise an, dass nicht alle Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten über den gleichen Wissensstand in allen Fachgebieten verfügen, und des Weiteren, dass diese Unterschiede (die es ja überall gibt) in Schweden ein klein wenig größer sind als z.B. in Österreich. Das führt zu Unsicherheit bei – mit bestimmten Tätigkeitsfeldern nicht vertrauten – Therapeutinnen und Therapeuten, und das wiederum kann zu schlichter Untätigkeit führen.

Beides zusammen kann eine mindestens ungünstige Konstellation für die extramurale Betreuung und deren Qualität darstellen, wie ich nachfolgend erläutern werde.

Zur Illustration ein Beispiel…

Intraoperative Mobilisation nach ArthrodesenentfernungRegelmäßige Leserinnen und Leser können sich noch an „Franziska“ erinnern, die junge Patientin mit den traumatischen Amputationen mehrerer Langfinger an der nichtdominanten Hand und Replantation derselben. Seitens des Krankenhauses wurde vereinbart ihr eine mehrwöchige „Therapiepause“ zu genehmigen, zumindest von der Therapie, die sie im Krankenhaus erhielt. In den letzten Wochen hatte sie zahlreiche Operationen und mehrtägige Aufenthalte, in denen mehrere Wunddebridements durchgeführt, die Stiftosteosynthesen entfernt und eine Defektdeckung mit Vollhauttransplantat durchgeführt wurden – begleitet von täglich mehrstündiger Therapie während der Tage des Aufenthalts. Die weiterbetreuende Ergotherapeutin wurde meinerseits telefonisch sehr ausführlich über die aktuelle Problematik, zu berücksichtigende Persönlichkeitsfaktoren und die Notwendigkeit einer laufenden Anpassung der Dehnungsschiene informiert – ich spreche zwar kein Oxford-Englisch, kann mich aber durchaus verständlich machen und sämtliche weitergegebenen Informationen wurden lt. Angaben meiner Gesprächspartnerin verstanden. Soviel zu den Rahmenbedingungen, jetzt zum Ergebnis…

Gestern nahm ich an einer Videokonferenz mit der externen Einrichtung teil, in der Franziska momentan ihre regelmäßigen Nachbetreuungstermine wahrnimmt. Seitens des Krankenhauses waren der zuständige Physiotherapeut und die zuständige Ergotherapeutin anwesend, und auf der anderen Seite der Kamera fanden wir Franziska, ihre Mutter und ebenfalls eine Physio- und eine Ergotherapeutin (nämlich die Urlaubsvertretung jener Therapeutin der ich die Behandlungsinformationen telefonisch weitergeleitet hatte, „Stille Post“, klingelt‘s?). Was war also passiert in den letzten Wochen? Wie stellte sich die Handfunktion dar? Wie die Greiffähigkeiten? Ich befürworte die Aktivitätsorientiertheit der hiesigen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, aber bei Patientinnen und Patienten diesen Alters würde ich wahrscheinlich trotzdem die Funktion priorisieren – Kind sein hin oder her…das kommt meiner Meinung nach von selbst, und bestmögliche Funktion ist für das weitere Leben nicht so ganz unwichtig…

Passiert ist eigentlich kaum was, zumindest nichts, was nicht auch ohne Therapie passiert wäre – mein subjektives Resümee…die Beweglichkeit im Daumen hat zugenommen, sie war allerdings schon immer recht gut, ebenfalls hat die Beweglichkeit in den MCP’s zugenommen, auch keine große Überraschung, auch hier war die Ausgangsbasis recht gut. Praktisch nichts passierte im Bereich der PIP’s und DIP’s, weiterhin waren nur Wackelbewegungen möglich. Wurde die Schiene angepasst? Nein, wurde sie nicht, drei Wochen lang nicht…natürlich, das alleine macht noch kein verbessertes funktionelles Outcome aus, aber hätte meiner Einschätzung nach einen Gutteil zu vergrößertem Bewegungsausmaß beigetragen.

Ich bin verwirrt, um was handelt es sich hierbei? Einen Fehler im System oder bloß eine Verkettung unglücklicher Umstände? Franziska kommt im August während meiner Praktikumszeit noch einmal ins Krankenhaus, ich bin gespannt wie sie sich da präsentieren wird, außerdem bin ich auf die Wortmeldungen der übernächste Woche vom Urlaub zurückkehrenden, krankenhauseigenen Ergo- und Physiotherapeutinnen sehr gespannt… Was meint ihr zu dem Fall?

Eine kleine Geschichte der Fika

Man lernt sie schnell zu schätzen, die mindestens zweimal täglich abgehaltene (oder eher zeremonierte) Kaffeepause der Schwedinnen und Schweden. Und es gibt sie offenkundig schon etwas länger – keine Person mittleren Alters konnte sich auf Nachfragen daran erinnern, wann dieses Ritual eigentlich eingeführt wurde, außer daran, dass es schon immer so war. Tatsächlich wird die Fika, völlig unabhängig vom anstehenden Arbeitsaufwand, auch während der Arbeitszeit abgehalten – und wenn die Welt untergeht – das kann recht seltsame Blüten treiben, einen Erfahrungsbericht dazu findet ihr hier. Kaffee wird hier in Unmengen getrunken, und eigentlich ist die Fika während der Arbeitszeit nicht unbedingt als „Entspannungspause“ zu betrachten, es wird auch viel über die Arbeit gesprochen, aber eher auf informeller Ebene – es ist wahrscheinlich gar nicht so viel anders als österreichische Vormittagskaffeepausen (obwohl ich persönlich in jenen immer lieber über andere Dinge gesprochen habe), bis auf den paradigmenhaften Charakter. Ich bin dafür, dieses Konzept weltweit zu exportieren, ich werde immer ganz unrund, wenn ich vormittags und nachmittags keinen Kaffee trinken kann, das war an den stressigeren Praktikumsstellen teilweise echt ein Problem für mich. Übrigens, selbst die 90-jährige Patientin, die wir zum Thema Fika befragt haben, wusste nur, dass die Fika schon in ihrer Kindheit gang und gäbe war…

Randnotizen

…mmmh, morgen Abend gibt’s Surströmming, hoffen wir, dass ich am Sonntag noch schreiben kann, gustatorische und olfaktorische Randnotizen folgen…es ist schier erdrückend, was in Amerika an Stellenangeboten im Therapiebereich über Twitter kommuniziert wird, kaum auszuhalten…


04.08.2010

Es sieht danach aus, als ob die Blogpause™ diese Woche einerseits vorverlegt und andererseits länger als üblich sein wird. Es hat sich ja schon seit längerer Zeit abgezeichnet, dass meine Notebookfestplatte nicht so wirklich im besten Zustand ist, obwohl das Ding noch nicht mal ein Jahr alt ist. Gestern wurden die Probleme dann tatsächlich gravierend, ich erspare euch das Technikgefasel an dieser Stelle, aber das ändert nichts daran, dass ich mir eine neue Platte kaufen musste – deshalb gab es gestern an dieser Stelle auch nicht Neues zu lesen. Und jetzt geht es an die Neuinstallation von Betriebssystem und allen Programmen – das dauert ca. 10-12 Stunden (naja, vielleicht doch eher 16)…wenn ich sonst nichts zu tun habe, was leider nicht der Fall ist. Spätestens am Samstag dürfte dann aber alles erledigt sein, dann reiche ich die interessanten Dinge der Woche und einen Einblick in die Pflegeheimlandschaft Schweden nach. Stay tuned!


02.08.2010

Ja, es ist einfach wunderbar, wenn nach der Aktualisierung des Treibers der Grafikkarte Windows beim Aktivieren des Ruhezustandes immer mit einem Bluescreen abschmiert, ebenso viel Spaß macht es, den Rechner zigmal neuzustarten, Treiberpakete herunterzuladen, im Gerätemanager herumzupfuschen, Aufräumwerkzeuge zu verwenden und sich grün und blau zu ärgern bis alles wieder richtig funktioniert – richtig nett war’s…Ahhhhhhrrrrrrrgggg!!!!

Ergotherapie mit dem Fahrrad

Umea - SchwedenWo waren wir? Ach ja, ich muss den Ärger hinter mir lassen, und vom heutigen Tag berichten…ich konnte heute – trotz grassierendem schwedischen Urlaubsfieber – einen Schnuppertag (und morgen folgt der zweite) mit Annelie Lindahl verbringen, die in Umeå in einem Pflegeheim als Teilzeitkraft arbeiten. Prinzipiell ist sie nur für diese Einrichtung zuständig, aber im Sommer erstreckt sich ihr Aufgabenbereich auf vier Pflegeheime (jaja, der Urlaub) – und dementsprechend viel waren wir heute mit dem Rad in Umeå  unterwegs. Es ist natürlich auch irgendwie nett, wenn man in jeder Institution ein eigenes Büro hat. Den ausführlichen Artikel zu Pflegeheimen in Schweden gibt’s dann übrigens morgen, heute beschränke ich mich darauf einfach den Tag zusammenzufassen…

Besprechungen auf Schwedisch

Annelie ist (nach österreichischen Maßstäben gemessen) auch schon steinalt – bestimmt über 50, was jetzt keine Beleidigung sein soll – und sie arbeitet schon viele Jahre in diesem Bereich. Getroffen haben wir uns um 8.00 im „Äldrecenter Dragonen“ in Umeå, einer Einrichtung, die neben knapp 60 stationären Betten auch 28 Betten zur Übergangs- beziehungsweise Kurzzeitpflege anbietet. Und dann war ich auch schon mitten in der Koordinationsbesprechung der Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten…und ich habe – wie üblich – kaum ein Wort verstanden. Die Besprechung hat fast eine Stunde gedauert und erfolgte in relativ formlosen Rahmen, zumindest soweit ich das beurteilen konnte. Danach gab’s Kaffee im Rahmen der Fika (herrlich mit welcher Konsequenz die Schwedinnen und Schweden die Kaffeepause am Vor- und Nachmittag einhalten, die Welt könnte zusammenbrechen, der Kaffee würde in jedem Fall getrunken werden) und dann schwangen wir uns auf unsere Räder – ich nahm abermals die treuen Dienste des Schwarzen Teufels™ in Anspruch…

Hemgården

Umea - SchwedenDie Hauptwirkstätte von Annelie ist der Hemgården, ein Pflegeheim, das sich auf die Pflege von Patientinnen und Patienten mit Demenz spezialisiert hat, und 48 Betten vorweisen kann. Ein weiteres Gebäude beinhaltet zahlreiche Wohnungen, die unter dem Konzept „Betreutes Wohnen“ firmieren. Das Gebäude selbst ist sehr alt, und sehr schön eingerichtet, alle Patientinnen und Patienten bewohnen Einzelzimmer (auch in anderen Heimen übrigens) und können/müssen eigene Einrichtungsgegenstände mitbringen – gerade bei Menschen, die an Demenz leiden, eine geeignete Maßnahme um der Entwurzelung und den, damit einhergehenden, Begleiterscheinungen vorzubeugen. Zusätzlich verfügt jedes Zimmer über einen deckenmontierten Patientenlifter, sowie ein Badezimmer, das an Größe manchen Wohnungen, die ich bewohnt habe, in nichts nachsteht. Die Zimmer, die ich gesehen habe, fühlen sich teilweise richtig heimelig an, voll mit Häkeldecken, alten Fotografien und alten Möbeln…

Aufgabengebiete der Ergotherapie

Die Hauptaufgabe von Annelie ist die „Lebensumwelt“ von Patientinnen und Patienten, dies reicht von der Versorgung mit Hilfsmitteln (auch Lagerungshilfsmittel wie Anti-Dekubitussysteme), Rollstühlen und Ähnlichem über Sturzprävention in institutionellem Rahmen und kleineren Reparaturarbeiten bis hin zu biographischer Detektivarbeit um Aktivitäten, Wünsche und Motivationen von Patientinnen und Patienten bezogen auf Aktivitäten herauszufinden. Der Stresslevel hält sich meiner Einschätzung nach in Grenzen, es ist allerdings sehr viel organisatorische Arbeit zu leisten, sowohl am Telefon als auch am Computer.

Im Hemgården haben wir einen Rollstuhl umgebaut (Greifreifenabstand erhöht und Fußstützen adaptiert) und zugestellt, bei einem weiteren eine Trommelbremse repariert und eine Patientin besucht (die allerdings geschlafen hat), zusätzlich wurden gefühlte 20 Telefonate geführt sowie ein Handgriff zum leichteren Aufstehen am Bett einer neu eingezogenen Patientin (viele Kartonschachteln) angebracht. Die Mittagspause haben wir im anstaltszugehörigen Garten verbracht – es gibt tatsächlich Personal, dass die Sonne scheut, wie der Teufel das Weihwasser – Hacksteak mit Kartoffeln und Tomatensauce, Salat, Preiselbeersaft, Kaffee und Kekse um wohlfeile 5 Geldeinheiten…snyggt!

Der nächste Ausritt

Umea - SchwedenDanach ging’s in nächste Heim, die Begrüßung einer neu eingezogenen Patientin stand am Programm. Vorher war es natürlich Zeit (14.30) für eine Fika…Anschließend haben wir noch Stoffüberzüge an den Bettgittern einer Patientin angebracht, die verhindern sollen (und dass sicherlich auch tun), dass sich die Patientin mit ihren Beinen in den Gittern verhakt – interessantes System, das habe ich in der Form noch nie gesehen – und dann war’s auch schon 16.00 Uhr und somit Dienstschluss. Morgen bin ich nochmals mit von der Partie, ich bin schon gespannt, was mich erwarten wird, aber das wissen am Morgen noch nicht mal die Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten selbst, die Aufgaben ergeben sich immer erst im Rahmen der Morgenbesprechung.

Ein Wort zur Sturzprävention in stationären Einrichtungen…

Aufgrund meiner „speziellen Interessen“, war es für mich sehr interessant, wie die Sturzprävention in stationären Einrichtungen, vor allem beim Krankheitsbild der Demenz erfolgt. Da das kognitive Verständnis für die Notwendigkeit derselben bei Patientinnen und Patienten oftmals fehlt, und freiheitsbeschränkende Maßnahmen (wie übrigens auch in Österreich) aufgrund rechtlicher Grundlagen – darunter fallen auch Rollstuhltische und Gurte, die das Aufstehen von Patientinnen und Patienten verhindern – nicht dauerhaft anwendbar sind und auch nicht sein sollten, kommen hier z.B. Alarmmatten am Boden, die das Personal der Nachtschicht alarmieren wenn ein Kontakt ausgelöst wird, sowie Lichtschranken vor den Betten, die denselben Zweck erfüllen, zur Anwendung. Dass alle Betten in der niedrigsten Höhe „geparkt“ werden, versteht sich von selbst – aber auch Aktivitäten die das Interesse von Patientinnen und Patienten wecken (hier ist wieder ein bisschen interdisziplinäre Detektivarbeit im Team gefragt) und adäquate analgetische Medikation kommen zum Einsatz.

Randnotizen

…leider gibt es keine Studentenrabatte auf Gore-Tex-Jacken, dabei würde ich dringend eine benötigen, aber 300 Geldeinheiten sind einfach zu viel – mal schauen, was das Internet zu bieten hat…irgendwie höre ich so oft, dass deutschsprachige Personen so schnell Schwedisch lernen, sollte ich ob meiner rudimentären Schwedischkenntnisse etwa ein schlechtes Gewissen entwickeln? Ach, nee…


Es gibt was auf die Augen…